Akira Miyabe (Grüne) im Interview : „Die Bürokratie regiert Japan“

Der Grünenpolitiker Akira Miyabe über die Folgen des Atomunfalls in Fukushima, gesellschaftliche Veränderungen und die Verzweiflung der Jugend in seinem Heimatland.

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Akira Miyabe (58), einst linker Aktivist, ist heute Vizedirektor und graue Eminenz der japanischen Grünen. Foto: U. Scheffer
Akira Miyabe (58), einst linker Aktivist, ist heute Vizedirektor und graue Eminenz der japanischen Grünen. Foto: U. Scheffer

Derzeit werden Japans Atomkraftwerke auf ihre Sicherheit überprüft. Nur noch eine der 54 Anlagen ist am Netz. Regierung und regionale Behörden streiten, ob und wann die anderen wieder hochgefahren werden sollen. Könnte Japan aus der Atomenergie aussteigen?

Die aktuelle Situation zeigt, dass wir die Atomenergie nicht brauchen. Statt wie im Moment stärker auf Gas und Kohle zu setzen, sollten wir aber erneuerbare Energiequellen ausbauen. Natürlich muss die Bevölkerung im Moment auch Energie sparen, das Potenzial dafür ist aber durchaus vorhanden.

Wie schätzen Sie die Lage rund um das havarierte Kraftwerk Fukushima Daiichi ein?

Wir halten die Lage keineswegs für sicher. Die Regierung sollte daher jeden, der etwa aus Fukushima-Stadt wegziehen möchte, unterstützen. Doch sie tut nichts, sie sitzt das Problem einfach aus.

Die Stadt hat 300 000 Einwohner und liegt rund 60 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt, also außerhalb der Evakuierungszone. Die radioaktive Strahlung ist aber auch dort erhöht. Warum begehren die Bürger nicht auf?

Die Menschen hier neigen dazu, Krisen als naturgegeben anzusehen. Das unterscheidet uns von Europa. Das Verhältnis der Regierung zur Bevölkerung entspricht eher dem eines Königs zu seinen Untertanen. Ist der König gut, sind die Untertanen zufrieden. Ist er schlecht, ergibt man sich in sein Schicksal. Wer die Macht hat, fühlt sich entsprechend kaum verantwortlich. Anders als Deutschland haben wir auch unsere Rolle im Zweiten Weltkrieg bis heute nicht konsequent aufgearbeitet.

Warum nicht?

Es gibt keine wirklichen politischen Lager in Japan. Deshalb gibt es praktisch keine Kontroversen. Die Wirtschaft entwickelte sich lange gut, der Wohlstand stieg. Das hat alles andere in den Hintergrund gedrängt. Heute regieren nicht Politiker unser Land, sondern die Bürokratie. Die Bevölkerung sieht keinen Unterschied zwischen den beiden großen Parteien, den Liberaldemokraten (LDP) und der Demokratischen Partei (DPJ). Schließlich hat sich nach dem Regierungswechsel von der LDP zur DPJ 2009 nichts geändert.

Und die Grünen?

Wir wollen die Strukturen aufbrechen und Debatten anstoßen. Die wichtigsten Themen für uns sind Umweltpolitik und soziale Gerechtigkeit. Themen, mit denen sich die großen Parteien bisher nicht befasst haben. Fukushima ist ja nur ein Symbol für das Versagen der japanischen Politik. Auch die hohe Arbeitslosigkeit wird vernachlässigt.

Wie stark ist Ihre Partei?

Wir sind eine junge Partei, die erst 2008 aus verschiedenen grünen Bewegungen hervorgegangen ist. Seit der Katastrophe im vergangenen Jahr spüren wir Aufwind. Die Menschen haben das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren, denn die Regierung hat in der Krise Informationen zurückgehalten. Umfragen zeigen, dass die Zahl der unentschlossenen Wähler steigt, derzeit sind es rund 30 Prozent. Ich gehe davon aus, dass die Hälfte davon mit den Grünen sympathisiert. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir 2013 ins Parlament einziehen werden.

Sie profitieren also vom schlechten Krisenmanagement der Regierung.

Das ist es nicht allein. Die Wirtschaft hat über Jahrzehnte das gesellschaftliche Leben in Japan bestimmt. Ihr wurde alles untergeordnet, denn sie brachte Wohlstand und Sicherheit. Doch das gilt nun nicht mehr. Japan steckt seit langem in einer Krise, die Leute spüren, dass es keine Sicherheit mehr gibt. Sie wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Immer mehr sehnen sich auch nach einem anderen Lebensstil. Sie wollen über ihr eigenes Leben bestimmen und wieder im Einklang mit der Natur leben.

Woran machen Sie den Unmut fest?

Nach Fukushima hatten wir hier erstmals große Demonstrationen. Das zeigt doch, dass sich etwas bewegt – wenn auch langsam. Angesichts der politischen Gemengelage fühlen sich die Menschen aber weiter machtlos.

Warum wählen sie die alten Kräfte nicht ab?

Die etablierten Parteien schaffen es noch immer, den Bürgern zu vermitteln, nur sie seien in der Lage, ökonomische Stabilität zu gewährleisten. Und das ist für viele das Wichtigste. Mein Eindruck ist allerdings, dass der Wachstumsmythos zu bröckeln beginnt.

Gilt das auch für junge Japaner?

Die Jungen sind ohnehin gezwungen, sich neu zu orientieren. Sie leiden am meisten unter der Wirtschaftskrise. Früher war es so: Wer nach der Ausbildung in ein Unternehmen ging, der blieb dort bis zur Rente und war sozial abgesichert. Das hat sich radikal geändert. 50 Prozent der Jungen haben keinen festen Job, sie halten sich mit Tagesjobs über Wasser oder sind arbeitslos. Doch wir haben in Japan kein soziales Netz wie in Europa. Arbeitslosengeld gibt es nur wenige Monate, danach ist die staatliche Unterstützung minimal. Viele sind so verzweifelt, dass sie sich das Leben nehmen. Junge Leute entscheiden sich heute aber nicht selten auch ganz bewusst für ein anderes Leben. Das stimmt mich optimistisch.

Die Fragen stellte Ulrike Scheffer.

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