Aktion für syrische Flüchtlinge : Künstler provozieren mit Vergleich zur Nazi-Zeit

Im Namen Familienministeriums wird ein Programm initiiert, mit dem syrische Kinder aufgenommen werden sollen. Es erinnert an die Kindertransporte während der Nazi-Zeit. Was steckt hinter der Aktion?

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Ein Pflegeeltern-Programm für 55.000 syrische Kinder?
Ein Pflegeeltern-Programm für 55.000 syrische Kinder?Foto: dpa

Das Dementi war erwartbar. Nein, mit dieser Aktion habe man nichts zu tun, teilte das Familienministerium Anfang der Woche mit. Das Logo der Behörde wie die Unterschrift von Ressortchefin Manuela Schwesig seien ohne Genehmigung verwendet worden. Es gebe keine Verbindung zwischen dem von der SPD-Politikerin geführten Haus und dem im Internet gestarteten Hilfsappell für syrische Flüchtlinge. Schade. Denn es wäre aller Ehren wert, stünde die Bundesregierung hinter der täuschend echt wirkenden Webseite. Weil Deutschland so zeigen könnte, dass es bereit ist, gerade aus historischer Verantwortung das Leid von geschundenen Menschen zu lindern.

Doch so weit, wie es die Macher der Kampagne „Kindertransporthilfe des Bundes“ suggerieren, ist man in den zuständigen Ministerien offenkundig noch nicht. Ginge es nach den Aktivisten vom „Zentrum für politische Schönheit“, würde Deutschland im Rahmen eines Pflegeeltern-Programms 55 000 syrische Kinder aufnehmen – ausgewählt aus fünf Millionen Mädchen und Jungen, die im Bürgerkriegsland ums Überleben kämpfen. Dass das dortige Elend sowohl von der hiesigen Öffentlichkeit als auch der politischen Führung bestenfalls mit Schulterzucken hingenommen wird, ärgert die Aktionskünstler mächtig. Deshalb wollen sie Aufmerksamkeit schaffen – indem sie Deutschland an seine schlimmste Vergangenheit erinnern und diese mit den moralischen Herausforderungen der Gegenwart verknüpfen.

Verharmlosung der Shoa?

Die provokante Verbindung wird mithilfe der Kindertransporte hergestellt. 1938 wurden fast 10 000 jüdische Kinder nach Großbritannien gebracht. Sie entgingen durch diese Rettungsaktion dem sicheren Tod, der sie im „Dritten Reich“ erwartet hätte. Weil Menschen ihnen halfen. Aber darf man diese Geschichte adaptieren, also den Holocaust bemühen, wenn es um das Schicksal syrischer Kinder geht? Verharmlost der Verweis gar die Schoa?

Keinesfalls, meint Philipp Ruch, Gründer des Künstlerkollektivs. „Wir müssen aufpassen, dass wir das Leid der syrischen Bevölkerung nicht verharmlosen, wenn wir den Holocaust als Messlatte aufstellen, unter der jedes andere Leid nur halbes Leid ist.“ Die Lage in Aleppo 2014 sei schlimmer als die der Juden 1938. So argumentierend, kann man Kontrahenten gehörig unter Druck setzen. Denn implizit wird damit eingefordert: Lasst dem „Nie wieder!“ Taten folgen. Beweist, dass man aus der Vergangenheit gelernt hat. Dass Verantwortung auf historischer Schuld gründen kann.

Der Hinweis auf die Kindertransporte während der Nazizeit hat noch eine andere Ebene: die der internationalen Flüchtlingspolitik. Die Rettung der jüdischen Kinder war damals nämlich eine Ausnahme. Die meisten ausländischen Regierungen weigerten sich standhaft, deutsch-jüdischen Familien die Grenzen zu öffnen und Schutz zu gewähren. Niemand wollte die Verfolgten bei sich haben. Das Gleiche gilt für jene, die heute in Europa Zuflucht suchen. Sie werden mit allen Kräften abgewehrt. Obwohl wir in Wohlstand und Freiheit leben. Engagierte Menschen wie Philipp Ruch halten das für eine Schande.

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