Alleinerziehende in Deutschland : Im Stich gelassen

Eine Studie belegt: Alleinerziehende werden von der Politik benachteiligt – ihnen drohen Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg. Und das wirkt sich auf ihre Kinder aus.

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Zu zweit. 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gibt es derzeit in Deutschland.
Zu zweit. 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gibt es derzeit in Deutschland.Foto: Imago

Manchmal sind die Tage für Janina S. nicht lang genug. Dann schafft sie es kaum, alles miteinander zu vereinbaren: sich um ihre drei Kinder zu kümmern und die Termine im Büro zu erledigen. Seit drei Jahren ist die 32-Jährige alleinerziehend, hat sich selbstständig gemacht. Finanziell komme sie gerade so über die Runden, sagt sie. „Aber ich muss schon sehr jonglieren. Und wenn nur eine unvorhersehbare Sache passiert, wird es sehr eng.“ Die größte Befürchtung von Janina S. ist, dass sie es irgendwann nicht mehr alles bewältigen kann und ganz auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, Wohngeldzuschuss bekommt sie ja schon. „Auf Hartz IV zu fallen, wäre das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte. Das möchte ich meinen Kindern nicht vermitteln“, sagt sie.

Schaut man auf die Zahlen, sind die Sorgen von Janina S. aus der Nähe von Kaiserslautern so unberechtigt nicht. Denn die Hartz-IV-Quote Alleinerziehender liegt deutschlandweit bei 39 Prozent. Insgesamt beziehen sie fünfmal häufiger Hartz IV als Paarfamilien. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die von der Juraprofessorin Anne Lenze erstellt wurde. Demnach berücksichtige die Politik die besondere Situation Alleinerziehender nicht ausreichend, in verschiedenen Rechtsbereichen würden sie sogar systematisch benachteiligt. „Wer Kinderarmut bekämpfen will, muss die rechtlichen und familienpolitischen Rahmenbedingungen für alleinerziehende Eltern verbessern“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Derzeit wächst jedes zweite der insgesamt 1,9 Millionen Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben, in einer Ein-Eltern-Familie auf.

Auch Miriam Hoheisel, die Geschäftsführerin des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (Vamv), hat beobachtet, dass sich „der Druck auf die Alleinerziehenden in den vergangenen Jahren sehr erhöht hat“. Die familien- und sozialpolitischen Maßnahmen erreichten alleinerzogene Kinder oftmals nicht. „Die strukturelle Benachteiligung Alleinerziehender führt zu einem erheblichen Armutsrisiko, und die Einkommensarmut der Eltern wiederum zur Bildungsarmut der Kinder.“

Oft wird Unterhalt nicht gezahlt

Der Studie zufolge seien besonders die Regelungen des Unterhaltsrechts problematisch. Seit der Reform im Jahr 2008 können Alleinerziehende von ihrem Ex-Partner kein Geld mehr für ihre Erziehungsarbeit erwarten, sobald ihr Kind älter als drei Jahre und eine Betreuungsmöglichkeit verfügbar ist. In zwei Drittel der Fälle würden zudem Unterhaltszahlungen vereinbart, die unterhalb des Existenzminimums liegen; nur für jedes zweite Kind wird der vereinbarte Unterhalt tatsächlich gezahlt.

Dieses Problem kennt auch Janina S. Weil ihr Ex-Partner nicht zahlt, bekommt sie staatliche Unterstützung in Form eines Unterhaltsvorschusses. Aber wie lange noch? Ihre Kinder sind fünf, sechs und neun Jahre alt, der Vorschuss wird lediglich für eine Dauer von maximal sechs Jahren gewährt, aber auch nur dann, wenn das Kind jünger als zwölf Jahre ist. Die Autorin der Studie bezeichnet dies als „gleichheitsrechtlich höchst problematisch“. Außerdem wirke sich auch das Steuerrecht negativ für die Alleinerziehenden aus. 2003 wurde der höhere Haushaltsfreibetrag für sie abgeschafft. Der niedrigere Entlastungsbetrag führt dazu, dass Alleinerziehende fast so besteuert werden wie Singles. „Alleinerziehende fühlen sich in der Steuerklasse zwei zur Familie zweiter Klasse degradiert. Sie bringt im Gegensatz zum Ehegattensplitting nur eine winzige Entlastung“, sagt Hoheisel.

Ihr Verband fordert wie die Bertelsmann-Stiftung, den Entlastungsbetrag für Alleinerziehende zu erhöhen. Zudem sollten die Begrenzungen beim Unterhaltszuschuss wegfallen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) fordert angesichts des hohen Armutsrisikos mehr steuerliche Förderungen. „Alleinerziehende müssen auch steuerlich entlastet werden, um Familie und Beruf zu vereinbaren“, sagte sie der ZDF-Sendung „Wiso“. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Elke Ferner, verlangte einen höheren Steuerfreibetrag für Alleinerziehende. Helfen könne es auch, Betroffene in den Genuss des sogenannten Kinderzuschlages kommen zu lassen, sagte Ferner dem Tagesspiegel. „In Verbindung mit dem Mindestlohn wäre damit viel gewonnen.“ Bisher kommt der Kinderzuschlag als Hartz-IV-vermeidende Leistung ausgerechnet bei Alleinerziehenden nicht an, da dafür Unterhaltszahlungen gegengerechnet werden.

Der Verband will ein neues System

Doch aus Sicht der Vamv macht nicht nur das Unterhaltsrecht Alleinerziehenden Probleme, sondern auch die Bedingungen am Arbeitsmarkt. „Alleinerziehende sind zu 90 Prozent Frauen, und die sind im Arbeitsmarkt immer noch benachteiligt“, sagt Hoheisel. So gehen Alleinerziehende ihrem Beruf nach Angaben der Studie auch deutlich häufiger zu ungünstigeren Arbeitszeiten nach als Mütter in Paarbeziehungen. Maren K. aus der Pfalz zum Beispiel. Sie arbeitet im Schichtdienst und wäre ohne die Hilfe ihrer Eltern bei der Kinderbetreuung aufgeschmissen, wie sie sagt. Maren K. hat studiert, einen sehr angesehenen Beruf – und hat trotzdem Finanzsorgen. Sie würde gerne mehr arbeiten, doch aus ihrer Teilzeit-Regelung kommt sie nicht raus. „Wenn ich am Ende des Monats auf mein Konto schaue, reicht es nicht mal mehr für eine Tankfüllung“, sagt sie.

Auch da helfen ihre Eltern dann aus. Die 47-Jährige, die seit der Geburt ihrer Tochter alleinerziehend ist, versucht alles, damit ihr Kind sich unter anderen nicht benachteiligt fühlt. „Mama, wir haben kein Geld, aber das Gute ist, man sieht es uns nicht an“, habe ihre 10-Jährige einmal gesagt. Obwohl Maren K. nicht glaubt, dass sie eines Tages auf Hartz IV angewiesen sein wird, fühlt sie sich als Alleinerziehende von der Politik grundsätzlich vernachlässigt. Langfristig fordert der Vamv deshalb einen Systemwechsel. „Es wurde oft deutlich, dass Sozial-, Unterhalts- und Familienrecht nicht aufeinander abgestimmt sind und Alleinerziehende durchs Raster fallen“, sagt Miriam Hoheisel. „Wir fordern, dass Kinder direkt durch eine Kindergrundsicherung gefördert werden statt wie bislang indirekt über Steuervorteile von Eltern.“

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