Am Ende der Balkanroute in Passau : „Es überrollt uns“

Rund 15000 Flüchtlinge sind seit Anfang des Jahres in der Region um Passau gestrandet. Für die Schlepper endet hier die Balkanroute. Die Behörden resignieren angesichts des Zustroms.

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In dieser Passauer Halle landen die von der Polizei auf der Autobahn aufgegriffenen Flüchtlinge. Sie haben ihr Ziel erreicht: Deutschland.
In dieser Passauer Halle landen die von der Polizei auf der Autobahn aufgegriffenen Flüchtlinge. Sie haben ihr Ziel erreicht:...Foto: Robert Birnbaum

Sie sind in der Nacht gekommen, Männer, Frauen, Schwangere, Kinder; drei Dutzend Menschen zusammengepfercht in einem Kleintransporter. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen hat der Schlepper sie bei Passau auf der Autobahn abgesetzt – einfach auf den Standstreifen, gestoppt, schnell raus. Als die Polizeistreife anhielt, sind sie einfach eingestiegen. „Sie sagen nicht allzu viel“, berichtet Thomas Lang. „Sie sagen einfach ,Asyl’“. In dieser Nacht sind es wieder an die 300 gewesen, Afghanen, Syrer, Iraker. Polizeioberrat Lang macht den Eindruck eines organisierten Menschen. Aber was der Chef der Bundespolizeiinspektion Freyung hier seit Monaten erlebt, lässt ihn oft nur noch ratlos mit den Schultern zucken. In Niederbayern ist das Elend der Welt zum Dauergast geworden, und Europas Flüchtlingspolitik erweist sich hier als lebensferne Theorie. „Unsere Route ist die klassische alte Balkanroute“, sagt Lang.

Die Schleuser stopfen in die Autos rein, wer reingeht

Jeden Tag macht sich eine Flotte von Kleintransportern in Ungarn oder Griechenland aus den Flüchtlingslagern auf den Weg. Die Schleuser stopfen in die Autos rein, wer reingeht, im Stehen, im Sitzen, im Liegen. Das Geschäft lohnt sich: 2000 bis 3000 Euro pro Person. Für die Schleuser ist der Einsatz kalkulierbar. Wer gefasst wird, muss mit ein paar Jahren Haft rechnen – Berufsrisiko. Im Passauer Gefängnis, 85 Plätze, sitzen aktuell 105 Verdächtige ein. Eigentlich, sagt Lang, sei man sogar auf gutem Weg: „Wir kennen langsam auch die Hintermänner im Ausland.“ Aber das braucht Zeit, und inzwischen rollen die Transporte. Österreich, sagen die Deutschen, schaut einfach weg. Also sind seit Januar rund 15000 Flüchtlinge hier gelandet. Neulich holten Beamte 43 Menschen aus einem Fiat Ducato. Die Fahrt ist eine Tortur. Aber wo sie herkommen ist es schlimmer.

Wenn die Schleuser sie nachts aussetzen, bleiben die meisten einfach da stehen, bis ein Polizeiauto kommt: „Deutschland? Dann ist gut.“ „X-Point“ steht groß an der Fassade der langgestreckten Halle, in der früher Bundeswehr-Pioniere Sport getrieben haben. Die Soldaten sind lange weg; auf dem früheren Kasernengelände steht jetzt nebenan die Dreiländerhalle, in der die CSU zum Politischen Aschermittwoch auf die Pauke haut. Gegenüber im Freibad lachen Kinder. Im „X-Point“ liegt Schweißgeruch in der Luft und Unsicherheit. Die kahle Halle wirkt wie ein Käfigverhau. Mit Baustellen-Gittern sind notdürftig Räume und Gänge abgeteilt, Stühle darin und Tische. Vorn am Eingang hockt ein Dutzend jüngerer Männer, die noch nicht durchsucht sind. Weiter hinten springen Kleinkinder zwischen ihren Eltern herum. Aus Plastikkanistern gibt es Trinkwasser. Eine junge Beamtin füllt Tabellenspalten im Computer aus, ein Kollege mit blauen Hygiene-Handschuhen bringt die Ankömmlinge einzeln zur Befragung an den Tisch mit drei Übersetzern. Eigentlich müssten sie jeden nach allen Regeln der Kunst erkennungsdienstlich behandeln.

Wer schon in Ungarn registriert worden ist, müsste dann sofort zurück. Aber die Prozedur dauert viel zu lange, eine halbe, eine Dreiviertelstunde pro Person – keine Chance. Das Dutzend Beamte pro Schicht hat die Bundespolizei schon aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengekratzt. Mehr als Stichproben sind nicht drin, den Rest müssten sie später im Erstaufnahmelager erledigen, theoretisch. Aber mehr als Schreibtischtheorie ist das Dubliner Abkommen ohnehin nicht. In der Praxis sitzen Zurückgeschickte bald wieder hier. „Garantieschleusung“ heißt das Fachwort: Ein zweiter oder dritter Versuch ist im Schleuser-Lohn von vornherein inbegriffen.

Die Unbegleiteten verursachen das meiste Kopfzerbrechen

Und dann gibt es da die Gruppe, die das meiste Kopfzerbrechen verursacht: „die Unbegleiteten“. Ein Flüchtling, der noch nicht volljährig ist, ist kein Flüchtling. Er ist ein Fall für die Kinder- und Jugendhilfe. Franz Meyer muss allein in diesem Jahr schon 1400 junge Männer versorgen. Jeden Tag kommen im Moment 45 dazu, Tendenz steigend, Alter sinkend. Viele flüchten vor dem Zwangsdienst in der nächsten Bürgerkriegsmiliz. Landrat Meyer kann das verstehen. Der CSU-Mann ist kein Bierzelt-Brandredner, eher einer vom Typ Kümmerer. „Wenn die Menschen in unser Land kommen, haben wir die Pflicht, sie menschenwürdig unterzubringen aus unserer christlichen Verantwortung“, sagt er. Aber sie wissen bald nicht mehr wohin, trotz vieler freiwilliger Helfer.

„Es überrollt uns“, sagt Meyer. „Eine Völkerwanderung!“ Dafür war die Jugendhilfe nie gedacht. Der Etat ist weit überschritten, und der bundesweite Solidarausgleich klemmt. Berlin reagiere auf Anschreiben gar nicht erst, sagt Meyer. Er denkt schon daran, dass man die Grenze wieder dicht machen und eine Schleierfahndung losschicken müsste. Dabei feiern sie gerade die 63. Europäischen Wochen im Dreiländereck, das Motto heißt „ÜberBrücken“. Und ob das Dichtmachen überhaupt hilft? Polizeichef Lang steht in der „X-Point“-Halle und schaut in die angespannten Gesichter hinter den Baustellengittern. „Wir als Polizisten können das Problem nicht lösen“, sagt der Beamte. „Wir können's nur verwalten.“

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