Politik : An den Rändern

Noch nie war es Forschern zufolge so schwer, dem Armsein zu entkommen. Doch wie lässt sich Armut definieren?

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Arm sein in Deutschland, für viele Menschen ist das bitterer Alltag. Mehr als zwölf Millionen leben in Armut oder sind davon bedroht – etwa jeder sechste Bewohner dieses Landes. Seit der Jahrtausendwende hat Armut zugenommen, sie hat außerdem ihren Charakter verändert. Doch was heißt es eigentlich, in einem der reichsten Länder der Welt arm zu sein?

In einer Industriegesellschaft zeigt sich Armut nur noch selten als Kampf ums Überleben. „Absolute Armut“, bei der es an lebenswichtigen Gütern wie Nahrung, einem Dach über dem Kopf und Kleidung fehlt, ist charakteristisch für Entwicklungsländer. Die Weltbank definiert als „absolute Armut“, wenn jemand mit weniger als 1,25 Dollar oder etwa einem Euro am Tag auskommen muss.

In wohlhabenden Ländern wie Deutschland wird Armut als „relative Armut“ definiert, die sich am Lebensstandard der jeweiligen Gesellschaft bemisst. Allgemein anerkannt ist eine Definition der Europäischen Kommission aus dem Jahr 1984: Danach zählen Personen und Familien als arm, „die über so geringe materielle, soziale und kulturelle Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

Wie lässt sich diese abstrakte Beschreibung in konkrete Zahlen übersetzen? Welches Minimum an Lebensstandard gilt in unserer Gesellschaft als zumutbar?

Als arm definieren Sozialwissenschaftler zum einen Menschen, deren Einkommen so gering ist, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen sind: In Deutschland sind das die mehr als sechs Millionen Empfänger von Hartz IV oder die gut 400 000 Älteren, die Grundsicherung im Alter erhalten. Kritiker dieser Definition wenden ein, dass die Armut dieser Menschen ja durch Sozialleistungen bekämpft werde. Sobald der Hartz-IV-Regelsatz angehoben werde, hätten auch mehr Niedriglöhner Anspruch auf die Leistung. Statistisch steige also die Armut, obwohl sich doch die materielle Situation der Betroffenen verbessert habe.

International verbreitet ist die Definition, wonach als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens („Median“) zum Leben hat. Angenommen wird, dass es unterhalb dieses Niveaus schwierig wird, am Leben einer Gesellschaft teilzunehmen.

In Deutschland waren danach im Jahr 2010 rund 12,4 Millionen Menschen armutsgefährdet, das entspricht 15,3 Prozent der Bevölkerung. Diese Quote ergibt sich aus der Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einem Datensatz, der unter Wissenschaftlern als verlässlichste und differenzierteste Erhebung gilt. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat berechnet, was das in absoluten Zahlen bedeutet: Für Alleinstehende lag die Armutsschwelle bei einem Einkommen von 970 Euro netto im Monat. Für eine Familie mit zwei Kindern waren es 2040 Euro. Für Alleinerziehende mit einem minderjährigen Kind lag die Grenze bei rund 1260 Euro.

Wie „schlimm“ relative Armut ist, ist in der öffentlichen Diskussion umstritten. Stefan Hradil, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Mainz, macht in der deutschen Armutsdebatte der letzten Jahre „schärfere Töne“ aus. Die einen, so Hradil, verweisen darauf, dass es die relativ Armen in Deutschland im Vergleich zu den absolut Armen in Afrika doch viel besser hätten. Heute säßen außerdem hierzulande viele Arme „in beheizten Wohnungen vor dem Fernsehapparat“, während sie noch in der Nachkriegszeit „(ver)hungerten, (er)froren, und (sich zu Tode) schufteten“. Andere vertreten laut Hradil die gegenteilige Meinung: In einer reichen Gesellschaft sei relative Armut viel schlimmer als absolute Armut in armen Gesellschaften. Die reiche Gesellschaft zeige schließlich den Armen, wie anders ihre Existenz aussehen könnte. Armut gehe „mit Verachtung und geringer Selbstachtung“ einher und sei daher „besonders fühlbar“.

Wie gravierend ist also Armut in Deutschland?

Allein der Blick aufs Einkommen reicht nach Ansicht von Armutsforschern nicht aus, um ein realistisches Bild zu zeichnen. So macht es einen Unterschied, ob jemand für begrenzte Zeit mit wenig Geld auskommen muss oder ob Armut lange andauert. Kann jemand auf angespartes Vermögen zurückgreifen und sich damit noch einen vertretbaren Lebensstandard leisten oder ist er womöglich verschuldet? Lebt eine Familie in einer beengten Wohnung, in der es kein eigenes Kinderzimmer gibt und die Waschmaschine so alt ist, dass sie jederzeit kaputtzugehen droht?

Der Soziologe Olaf Groh-Samberg berücksichtigt in seinen Untersuchungen daher neben dem Einkommen auch, wie die Wohnsituation ist, ob jemand finanzielle Rücklagen hat und ob er arbeitslos ist oder nicht. „Arbeitslosigkeit ist eine der häufigsten Ursachen dafür, dass jemand sozial ausgeschlossen ist“, sagt Groh-Samberg, der Juniorprofessor an der Universität Bremen ist. Außerdem betrachtet der Wissenschaftler die Situation einer Person über fünf Jahre hinweg – so lassen sich aus seiner Sicht die „wirklich Armen“ identifizieren.

Groh-Sambergs und andere Untersuchungen zeigen: Armut in Deutschland hat sich deutlich verändert. Dabei zeichnen sich mehrere Trends ab.

Arme profitieren heute nicht mehr vom Aufschwung. In Boomzeiten mit sinkender Arbeitslosigkeit ging früher auch der Anteil der Armen zurück. „Diese Gesetzmäßigkeit gilt nicht mehr“, stellt DIW-Forscher Grabka fest. Während in den 90er Jahren die Armutsquoten noch konjunkturellen Schwankungen folgten, ist die Einkommensarmut seit der Jahrtausendwende deutlich angestiegen und verharrt seit 2006 bei rund 15 Prozent – auf konstant hohem Niveau, unabhängig vom Wirtschaftswachstum. Für diese Entwicklung macht Grabka auch die Veränderungen in der Arbeitswelt verantwortlich: „Prekäre Beschäftigung und Teilzeitarbeit haben stark zugenommen. Viele schaffen den Sprung über die Armutsschwelle nicht, obwohl sie einen Job haben“, sagt der Armutsforscher. Arbeit schützt nicht mehr vor Armut, wenn es nur ein Niedriglohnjob ist.

Der Aufstieg aus Armut wird außerdem immer schwerer. „In den frühen Jahren der Bundesrepublik war die soziale Mobilität höher“, sagt Grabka. Karrieren wie die des CDU-Politikers Norbert Blüm, der vom Werkzeugmacher zum Bundesminister wurde, seien heute kaum noch vorstellbar. Das zeigen auch Untersuchungen von Roland Habich, Leiter des Zentralen Datenmanagements beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). „Es ist heute schwerer geworden, sich aus Armut zu befreien“, sagt Habich. In den letzten 30 Jahren sei das Risiko, im untersten Einkommensfünftel zu bleiben, deutlich gestiegen: von 57 Prozent in den 80er Jahren auf 65 Prozent im Jahr 2009. Ein Trend, den der Bremer Armutsforscher Groh-Samberg „dramatisch“ findet. „Kurzfristige Armutsphasen mindern die Lebenschancen nicht so wie dauerhafte Armut“, sagt er. „Am unteren Rand der Gesellschaft bildet sich eine Unterschicht, die von der restlichen Gesellschaft zunehmend abgekoppelt wird.“ Für die Politik wird es immer schwieriger zu intervenieren.

Hinzu kommen zwei weitere Entwicklungen: „Die Armen werden immer ärmer“, sagt WZB-Forscher Habich. Seine Untersuchungen zeigen, dass sich in den letzten Jahren die Einkommen der Armen immer weiter von der Armutsschwelle entfernt haben. Unter den Betroffenen gibt es also auch viele, die mit deutlich weniger Geld über die Runden kommen müssen. Und: In Deutschland leben viele Kinder in prekären Verhältnissen, momentan etwa zwei Millionen. „Da werden Lebenschancen vernichtet. Armut droht sich über Generationen hinweg zu vererben“, sagt Habich.

Was es für Kinder bedeutet, wenn sie in Armut aufwachsen, beschreibt Karl August Chassé, Professor an der Fachhochschule Jena: Sie leiden häufiger unter gesundheitlichen Einschränkungen, etwa durch chronische Erkrankungen oder Übergewicht. Ihre Schulleistungen sind schlechter. Bei Gleichaltrigen sind sie weniger integriert, und sie haben kein besonders hohes Selbstwertgefühl.

Aber auch Erwachsene fühlen sich im täglichen Leben eingeschränkt. So belasten die Wohnkosten jeden dritten Armutsgefährdeten schwer, wie Befragungen des Statistischen Bundesamts zeigen. Besonders problematisch wird es dann, wenn unerwartet größere Ausgaben anfallen, etwa für die Reparatur oder Neuanschaffung eines Haushaltsgeräts. Das stellt drei von vier Personen vor große Probleme.

Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind in Deutschland Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Migranten. Wer (lange) arbeitslos ist, gerät leichter in finanzielle Notlagen. Wer über wenig Bildung verfügt, unterliegt ebenfalls einem höheren Armutsrisiko. Die höchste Armutsrate unter allen Haushaltstypen weisen laut DIW Alleinerziehende auf: Mehr als 40 Prozent der Mütter oder Väter mit minderjährigen Kindern waren 2008 einkommensarm, bei Alleinerziehenden mit unter Dreijährigen waren es sogar mehr als die Hälfte. Aber auch bei Paaren mit mehr als drei Kindern liegt das Armutsrisiko über dem Durchschnitt (22 Prozent bei drei Kindern und 36 Prozent bei vier Kindern). Migranten sind häufiger arbeitslos und damit auch eher von Armut bedroht. Das gilt vor allem dann, wenn sie aus Ländern kommen, die nicht in der EU liegen.

In Ostdeutschland ist Armut ausgeprägter als im Westen: Während 2008 die Armutsquote in den alten Bundesländern bei 13 Prozent lag, waren es im Osten 19 Prozent. Das liegt zum einen an der höheren Arbeitslosigkeit, aber auch an den geringeren Löhnen, die dort gezahlt werden. Mittlerweile gibt es allerdings auch im Westen Regionen, in denen die Armut deutlich zugenommen hat. So warnt der Paritätische Gesamtverband vor einer „dramatischen Entwicklung des Ruhrgebiets“. In der Stadt Dortmund etwa sei die Armutsquote mit 23 Prozent mittlerweile höher als im Land Mecklenburg-Vorpommern.

Dass die Spaltung in Arm und Reich in Deutschland zunimmt, gesteht die Bundesregierung in ihren Armutsberichten ein, die seit 2001 veröffentlicht werden. Doch eine überzeugende Strategie zur Bekämpfung von Armut fehlt bislang. Schnell wirken würde der massive Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten, empfiehlt DIW-Experte Grabka. „Damit wäre vor allem Alleinerziehenden geholfen, die heute in Armut sind, weil sie Beruf und Kind nicht vereinbaren können“, sagt er. Bei anderen Problemgruppen werde es aber schon deutlich schwerer zu helfen – etwa den armen Witwen in Westdeutschland.

Grabka empfiehlt deshalb der Politik, bei der Bewertung der Armutsstatistiken vor allem in die Zukunft zu schauen. So sei heute zwar der Anteil der Älteren, die unter Armut leiden müssen, vergleichsweise gering. „Altersarmut wird aber zum drängenden Problem“, prognostiziert der Wissenschaftler. „Die Zahlbeträge bei männlichen Neurentnern liegen im Schnitt schon 200 Euro unter denen von Bestandsrentnern. Und das wird sich weiter verschärfen.“ Denn wenn Altersarmut erst einmal verbreitet ist, dann kann man den Betroffenen kaum noch helfen.

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