Politik : An der falschen Adresse Dissident Jürgen Fuchs und die Linke in Erfurt

Cordula Eubel
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Jürgen Fuchs. Foto: pa/dpa

Berlin/Erfurt - Die Landtagsfraktion der Linken in Thüringen gerät unter Druck, weil sie in ihrem Briefkopf nicht die offizielle Adresse des Landtags angibt. Der verstorbene DDR-Dissident Jürgen Fuchs ist Namensgeber der Straße, an diese Anschrift halten sich auch alle Fraktionen – bis auf die Linke. Die gibt, in Briefen ebenso wie im Internet, die Arnstädter Straße an, die seit 1990 offizieller Sitz der Fraktion ist.

Für die Thüringer Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt (Grüne) entbehrt es nicht einer „gewissen Tragikomik“, wenn die Linke heute die Erinnerung an Jürgen Fuchs beiseite schiebe, so wie die SED den Regimekritiker vor mehr als 30 Jahren abgeschoben habe. „Die Erinnerung an zivilen Ungehorsam in der DDR tut scheinbar manchem Funktionär immer noch weh“, sagt die Bundestagsvizepräsidentin. „Fast zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution sollte es der Linkspartei möglich sein, etwas souveräner mit ihrem geschichtlichen Ballast umzugehen.“ Der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Panse wirft der Linken vor, dass sie „immer noch kein positives Verhältnis zu den Gegnern des SED-Regimes“ gewonnen habe. Der Dichter Wolf Biermann sieht in der Adresspolitik der Linken sogar einen „Skandal“.

Der Schriftsteller Jürgen Fuchs, geboren 1950 im Vogtland, wurde 1976 nach Protesten gegen die Ausbürgerung Biermanns in der DDR verhaftet. Nach neun Monaten im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen wurde Fuchs zur Ausreise nach West-Berlin gezwungen. Auch dort blieb er „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi ausgesetzt, 1986 explodierte vor seinem Haus eine Bombe. Als er 1999 an Blutkrebs starb, kam der Verdacht auf, sein Krebsleiden sei möglicherweise auf Verstrahlungen durch das Ministerium für Staatssicherheit zurückzuführen.

Zur Erinnerung an Fuchs ließ das Thüringer Parlament im Jahr 2002 die Straße vor dem Landtag in Jürgen-Fuchs-Sraße umbenennen. Diese Anschrift gibt die Linken-Fraktion seitdem nur dann an, wenn sie zu öffentlichen Veranstaltungen im Parlamentsgebäude lädt. Fraktionschef Dieter Hausold verteidigt dieses Vorgehen, das „in keiner Weise etwas mit Geschichtsauffassungen, Vergangenheitsbewältigungen, Diskriminierung von Opfern der DDR beziehungsweise mit unserer Haltung zu Jürgen Fuchs zu tun“ habe. Cordula Eubel

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