Analyse von Langzeitdaten : Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse

Die „Vertrauenskrise der Medien“ ist ein zentraler Bestandteil des öffentlichen Diskurses geworden. Schaut man genauer hin, bleibt von dieser Krisenerzählung nicht viel übrig. Ein Essay.

Carsten Reinmann, Nayla Fawzi
Journalisten werden in Deutschland zunehmend als Vertreter der "Lügenpresse" diffamiert.
Journalisten werden in Deutschland zunehmend als Vertreter der "Lügenpresse" diffamiert.Foto: dpa

Es scheint eine klare Angelegenheit. In Leitartikeln, Talkshows und Reden beschwören Journalisten, Politiker und Demoskopen einen Vertrauensverlust „der Medien“. Seit dem Ukraine-Konflikt ist die „Vertrauenskrise der Medien“ ein zentraler Bestandteil des öffentlichen Diskurses geworden. Nicht mehr allein „Politik-“, sondern zunehmend auch „Medienverdrossenheit“ wird als eine Ursache für die Unzufriedenheit und den Protest benannt. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Debatte im Anschluss an die Ereignisse der Silvesternacht in Köln.

Doch stimmt sie eigentlich, die These eines dramatischen, fast schon historischen Vertrauensverlusts gegenüber den Medien? Will man die aktuellen Daten zum Medienvertrauen richtig einordnen und das Vertrauen in Medien wieder heben, sollte man diese Grundthese zunächst einmal hinterfragen. Denn nur wenn die Diagnose stimmt, kann man die richtigen Schlüsse ziehen.

Ein besonders häufig zitierter Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist eine Umfrage des NDR-Medienmagazins „Zapp“. Sie wurde im Dezember 2014 als Reaktion auf die Kritik an der Ukraine-Berichterstattung bei infratest-dimap in Auftrag gegeben und war das Schlüsselereignis, das den Ton für die weitere Debatte setzte. Schon in den Fernseh- und Onlinebeiträgen des Magazins war die Interpretation der Daten eher einseitig. Unter der Überschrift „Vertrauen in die Medien ist gesunken“ ist von „alarmierenden Zahlen“ die Rede. Dieser Eindruck wird vor allem dadurch erzeugt, dass nicht alle vorliegenden Daten berücksichtigt werden. Zum Vergleich für den Anteil derer, die „den Medien“ „(sehr) großes Vertrauen“ entgegenbrachten (29 Prozent), wird allein das Jahr 2012 (40 Prozent) herangezogen.

Eine Übersicht der Umfragen zum Vertrauen in die Medien
Eine Übersicht der Umfragen zum Vertrauen in die MedienGrafik: Reinemann/Fawzi

Wonach genau gefragt wird, hat offenbar erheblichen Einfluss auf die Antworten

Zumindest im Fernsehbeitrag unerwähnt bleibt, dass 2012 in der vorliegenden Zeitreihe ein Ausreißer war. Hätte man die weiter zurückliegenden infratest-Umfragen berücksichtigt, die auf der „Zapp“-Website ebenfalls dokumentiert sind, dann wäre dreierlei deutlich geworden: Zum einen schwankte das gemessene Medienvertrauen in dieser Zeit. Zum anderen lag es im Dezember 2014 nicht viel niedriger als schon 2007 (32 Prozent) oder 2009 (29 Prozent). Und: Mehr als 80 Prozent der Befragten sagten, ihr Vertrauen in die Medien habe sich aufgrund der Ukraine-Berichterstattung nicht verändert.

Auch die in der „Zeit“ (26/2015) veröffentlichten Daten lassen zweifeln, ob sie tatsächlich eine „Glaubwürdigkeitskrise“ des Journalismus belegen. Zwar geben nur 39 Prozent an, der Berichterstattung der Medien zu vertrauen, und 28 Prozent äußern, dass ihr Vertrauen in die Berichterstattung gesunken sei. Allerdings lassen die Daten keinen Schluss darauf zu, wie groß der Vertrauensverlust tatsächlich war – er könnte ja auch nur marginal sein und möglicherweise bereits eine Auswirkung der öffentlichen Debatte aufzeigen. Zieht man zudem die Daten aus dem „Zapp“-Beitrag zum Vergleich heran, offenbart sich gegenüber 2014 ein deutlicher Anstieg von 29 auf 39 Prozent derjenigen, die der Medienberichterstattung vertrauen. Eine Krisenerzählung lässt sich aus all diesen Daten dann allerdings noch schwerlich machen.

Deutsche Medien genießen im internationalen Vergleich hohes Vertrauen

Eine noch sehr viel aussagekräftigere Basis für Aussagen über die Entwicklung des Medienvertrauens liefern Langzeitdaten, die in Deutschland allerdings rar sind. Zu finden sind sie zum einen in den öffentlich zugänglichen Daten der „World Values Studie“ beziehungsweise der „European Values Studie“ („WVS“ beziehungsweise „EVS“), zum anderen in den Archiven des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Übereinstimmend zeigen die von Anfang der 1990er bis 2013 beziehungsweise 2014 erhobenen Daten Folgendes: Erstens steht ein Großteil der Deutschen der Presse und dem Fernsehen schon seit Jahrzehnten eher skeptisch gegenüber. Zweitens konnten Zeitungen und Rundfunk seit der Etablierung des Internets an Vertrauen gewinnen. Drittens hält sich der Anteil von Skeptikern und Vertrauenden etwa die Waage, wenn auch mit einem leichten Übergewicht für die Skeptiker.

Blickt man zur Einordnung zudem einmal über die Grenzen, dann zeigen etwa Daten des Reuters Institute an der Universität Oxford, aber auch der „World/European Values-Studie“, dass die deutschen Medien im internationalen Vergleich ein hohes Vertrauen genießen.

Im Vergleich der Umfragedaten ist außerdem erkennbar: Wonach genau gefragt wird, hat offenbar erheblichen Einfluss auf die Antworten. Je unbestimmter die Frage, etwa nach „den Medien“, umso größer die Skepsis. Offenkundig lädt diese Formulierung eher zu Pauschalurteilen ein und die Befragten denken bei ihren Antworten unter Umständen an ganz unterschiedliche Medien, beispielsweise an Soziale Netzwerke, die die meisten Menschen für deutlich weniger glaubwürdig halten als die klassischen Nachrichtenmedien wie die Tagespresse und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wird dagegen nach bestimmten Mediengattungen, Medienanbietern oder denjenigen Medien gefragt, die man selbst nutzt, dann liegt das Vertrauen oftmals deutlich höher.

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