Analyse zu Mecklenburg-Vorpommern : Es sind nicht nur die Flüchtlinge

Der Erfolg der AfD im Nordosten hat auch wirtschaftliche Gründe - viele Wähler der Rechtspopulisten fühlen sich als die Verlierer der letzten Jahrzehnte.

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Ein Kommentar zur AfD aus dem Wahlkampf.
Ein Kommentar zur AfD aus dem Wahlkampf.Foto: imago/BildFunkMV

Es war gar nicht das wichtigste Thema: Die Flüchtlingskrise stand nicht ganz vorn auf der Agenda der Wähler in Mecklenburg-Vorpommern, sondern es waren die Jobs. Und auch wenn die AfD vor allem mit Stimmungsmache gegen Zuwanderung, Flüchtlingsaufnahme und die Kanzlerin Stimmung machte und damit Wähler anlockte, haben auch überproportional viele Bürger ihr Kreuzchen bei den Rechtspopulisten gemacht, weil sie sich ökonomisch abgehängt sehen.

Es sind jene, die sich benachteiligt fühlen, und von denen gibt es im Ostteil, in Vorpommern, in den Grenzregionen zu Polen, mehr als im Rest des Landes. 60 Prozent der AfD-Anhänger sagten laut Forschungsgruppe Wahlen, dass "nur die Wenigsten" von der Wende profitiert hätten. Und zu den Wenigsten zählt man sich selbst. Der Anteil ist deutlich höher als bei den anderen Parteien, wo die Spannbreite von 18 Prozent (Grüne, vor allem eine Partei der Jungen) bis hin zur Linken (49 Prozent) reicht.

Bei der AfD versammeln sich so jene, an denen 25 Jahre wirtschaftliche Besserung vorbeigegangen sind – oder die es jedenfalls so verspüren. Es sind vor allem die mittleren Jahrgänge im Alter zwischen 30 und 59 Jahren, in denen die Partei überdurchschnittlich erfolgreich ist.

In der Arbeiterschaft und bei Geringverdienern kann die AfD am meisten punkten. Auch bei Selbständigen, doch sind das meist nicht gut verdienende Unternehmer, sondern Leute mit oft eher mageren Einkommen. Und es sind mehr Männer als Frauen, die AfD wählen. Das sind alles Indizien dafür, dass im Osten Arbeitsfrust und nicht erfüllte Erwartungen den Erfolg der Partei stärker erklären als im Westen.

Abgehängt und anfällig für fremdenfeindliche Sprüche: Es ist kein Wunder, dass die AfD nicht nur im Nichtwählerreservoir abgeschöpft hat, sondern offenbar auch ganz stark bei Menschen, die 2011 für die NPD gestimmt hatten. Daneben waren es Unzufriedene, die angaben, zuvor SPD und CDU gewählt zu haben – wobei bei Wählerwanderungsdaten Vorsicht geboten ist, weil die Angaben zur zurückliegenden Wahlentscheidung häufig nicht stimmen.

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AfD in Mecklenburg-Vorpommern vor der CDU
AfD in Mecklenburg-Vorpommern vor der CDU

Stärkere Mobilisierung

Wie schon in Sachsen-Anhalt hat das Auftreten der AfD die im Osten eher lethargische Wählerschaft stärker in Bewegung gebracht. Die Wahlbeteiligung stieg von 51,1 Prozent auf 61,6 Prozent. Es beteiligten sich 803.148 Bürger, vor fünf Jahren waren es 681.375. Aus der Differenz erklärt sich der Erfolg der AfD zum größeren Teil. Die Wähler der Rechtspopulisten springen auf das Flüchtlingsthema stärker an als andere – für 82 Prozent war es laut Forschungsgruppe wichtig, unter allen Befragten nur für 49 Prozent.

Die AfD-Anhänger sehen sich selbst übrigens nicht als reine Denkzettel-Wähler, jeder zweite sagt, er wähle die Partei wegen der politischen Forderungen. Das Protestpotenzial der AfD zeigt sich vor allem darin, dass 90 Prozent ihrer Wähler sagen, sie sei die „einzige Partei, die die wichtigsten Probleme beim Namen nennt“. Dass freilich nur 14 Prozent aller Befragten glauben, die AfD würde eine bessere Politik machen, deutet darauf hin, dass nicht wenige AfD-Wähler selbst auch davon ausgehen, dass ihre Partei es nicht besser kann.

Der AfD wird nur geringe politische Kompetenz bescheinigt

Insgesamt steht die AfD bei der Zuschreibung von politischer Kompetenz „sehr schwach“ da, konstatiert die Forschungsgruppe, sie gelte „auch perspektivisch nicht als gewinnbringende Alternative“. Ihr Potenzial ist also begrenzt, sie hat es mit den Ergebnissen über 20 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt wohl voll ausgeschöpft.

Die Strategen bei der SPD und auch bei der CDU dürften aus einem Faktum eine gewisse Hoffnung schöpfen: In absoluten Zahlen konnten die Sozialdemokraten gegenüber 2011 einige tausend Stimmen zugewinnen, die CDU verlor nur minimal. Insgesamt haben beide Parteien ihre Stimmenzahl in etwa gehalten. Dagegen verloren die beiden Oppositionsparteien Linke und Grüne nicht nur prozentual, sondern auch absolut deutlich.

Bei der Linken dürfte es damit zu tun haben, dass einerseits ihre Wählerbasis langsam wegstirbt, andererseits die Konkurrenz von der AfD für Protestwähler attraktiver, weil radikaler war. Bei den Grünen ist es wohl einfach so, dass sie im Nordosten als kleine Oppositionspartei zu wenig wahrgenommen wurden.

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