"Angeheiztes Missverständnis" : Klaus von Dohnanyi: Sarrazin ist ein Opfer der Medien

SPD-Urgestein Klaus von Dohnanyi nimmt Thilo Sarrazin in Schutz. Dessen Aussagen seien einfach nur falsch verstanden worden. Er wünscht sich eine offenere Debatte in der SPD - und mehr streitbare Leute wie Sarrazin.

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Hamburgs früherer Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi.
Hamburgs früherer Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi.Foto: dapd

Berlin - Er war in den Siebzigern für die SPD Bundesbildungsminister, befriedete in den achtziger Jahren als Hamburger Bürgermeister die besetzten Häuser an der Hafenstraße, trieb als Manager die Transformation der DDR-Wirtschaft nach der Wende voran und engagierte sich zuletzt in Bundeskommissionen zum Niedriglohn oder zur Energieversorgung. In den vergangenen Tagen allerdings war Klaus von Dohnanyi vor allem als Rechtsberater des derzeit umstrittensten Sozialdemokraten des Landes in der Öffentlichkeit, von Thilo Sarrazin. Eine Aufgabe, die für Dohnanyi weit mehr als ein Job war, wie im Gespräch mit dem 82-Jährigen deutlich wird. „Was uns in der SPD fehlt, ist eine streitbare, tolerante, offene und kontrastreiche Debatte, ohne dass man den anderen verfemt und verdammt“, sagt er. „Stattdessen werden Leute mit anderen Ansichten zu oft einfach in die Pfanne gehauen.“ Deswegen hat der Jurist, der seit 1957 SPD-Mitglied ist, den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Ex-Bundesbankmanager im Parteiordnungsverfahren verteidigt, mit dem ihn der SPD-Vorstand aus der Partei ausschließen wollte und welches am Gründonnerstag überraschend mit Sarrazins Verbleib in der SPD endete: „Ich wünsche mir mehr streitbare Leute wie Thilo Sarrazin in unserer Partei“, sagt von Dohnanyi. Die Austrittsdrohungen von empörten Genossen und Unterschriftensammlungen gegen die Entscheidung der Berliner Schiedskommission hält er für nicht relevant: „Das sind nur ein paar Leute, darunter einige Schwadroneure, das sollte man nicht überbewerten“, sagt er. „Es wären viel mehr Parteimitglieder ausgetreten, wenn die SPD Sarrazin ausgeschlossen hätte.“

Die Kritik an Sarrazin basiere auf einem „von den Medien angeheizten Missverständnis seines Buches“. Vor allem durch die Vorabdrucke einzelner Passagen sei „eine große Einseitigkeit entstanden, die dem Buch nicht entspricht“, Sarrazin sei „das Opfer eines Medien-Hypes geworden“. Die Vorwürfe, Sarrazin habe sich mit seinen Thesen außerhalb des Spektrums der SPD begeben, nimmt von Dohnanyi persönlich: „Ich hätte doch keinen Rassisten verteidigt.“ Den auch von vielen Sozialdemokraten erhobenen Vorwurf, Sarrazin habe vieles kritisiert, aber keine konstruktiven Lösungen vorgeschlagen, weist von Dohnanyi ebenfalls zurück. „Das stimmt nicht – die macht Sarrazin mehr als alle anderen.“ Manche Formulierung sei „ kantig und unbequem“, so sei Sarrazin eben. „Aber es ist einfach nicht wahr, dass er keine Lösungsvorschläge macht.“ Ebenso empört den Hamburger die jetzt kursierende These, die Schiedskommission des Berliner Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf hätte sich auf Betreiben der Bundes-SPD und hochrangiger Berliner Sozialdemokraten auf einen „Deal“ eingelassen, um den Rauswurf Sarrazins im Jahr der Berliner Abgeordnetenhauswahl zu verhindern: „Dieses Gremium war sehr unabhängig“, sagt er. „Behauptungen wie die, Klaus Wowereit und andere hätten die Strippen gezogen, sind eine Unverschämtheit.“

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