Angela Merkel im Interview : "Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist groß"

Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Zukunft Griechenlands, Parallelen zu Ostdeutschland, den Wert Europas und die schicksalhaften Entscheidungen in der Schuldenkrise.

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Angela Merkel wurde 1954 in Hamburg geboren. Ihre Eltern siedelten später nach Templin in der DDR über, wo Merkel aufwuchs. In Leipzig studierte Merkel Physik.
Angela Merkel wurde 1954 in Hamburg geboren. Ihre Eltern siedelten später nach Templin in der DDR über, wo Merkel aufwuchs. In...Foto: Thilo Rückeis

Frau Bundeskanzlerin, Europa bedeutet für die meisten Menschen Brüsseler Bürokratie und das Verbot von Glühbirnen. Was ist Europa für Sie ganz persönlich?

Ich bin nicht so pessimistisch. Die meisten Menschen haben bei Europa durchaus auch das Positive vor Augen. Sie denken daran, dass man in viele Länder mittlerweile ohne Pass und ohne Geldumtausch reisen kann. Junge Menschen studieren wie selbstverständlich im europäischen Ausland und haben dort Freunde. Natürlich gehören die Brüsseler Institutionen dazu, aber vor allem heißt Europa doch Frieden und gemeinsame Überzeugungen. Für mich ist das immer noch ein Begriff, mit dem ich große Zuversicht verbinde.

Das dürfte Sie derzeit von den meisten Deutschen unterscheiden …
Bei allen kulturellen Unterschieden teilen wir 500 Millionen Europäer dieselben Werte, wir haben unsere Staaten auf den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenwürde aufgebaut. Für mich ist es eine große Beruhigung, dass wir Deutsche uns in der Welt der Globalisierung nicht alleine behaupten müssen. Denn unter nunmehr sieben Milliarden Menschen können wir Europäer unsere Interessen und Werte doch nur noch in der Gemeinschaft erfolgreich vertreten. Nur wenn wir in Europa zu einer einheitlichen Haltung kommen, haben wir gegenüber 1,3 Milliarden Chinesen oder 300 Millionen Amerikanern eine Stimme, die gehört wird. Ob im internationalen Handel oder beim Klimaschutz oder in Fragen von Krieg und Frieden außerhalb Europas: Die Einheit Europas verleiht uns Kraft. Ohne Europa hat Deutschland keine gute Zukunft.

Einst war Europa eine Frage von Krieg und Frieden. Gilt das heute noch?
Das ist immer noch richtig. Schauen Sie über Europas Grenzen hinaus und Sie sehen, dass sich die Frage auch heute noch konkret stellt. Bei uns in Deutschland und in unseren Nachbarländern leben jetzt Generationen, die glücklicherweise nicht wissen, wie es ist, gegeneinander Krieg zu führen. Deshalb reicht der Verweis auf Krieg und Frieden als einzige Begründung für die Notwendigkeit der europäischen Einigung nicht mehr aus.

Helmut Kohl hat von Ihnen mutigere Schritte in Richtung Europa verlangt. Was sind Sie bereit, für Europa zu wagen?
Für ein starkes Europa bin ich bereit, das Notwendige zu wagen und so das Vernünftige zu tun. Der Euro stellt das Fundament Europas dar. Mit dem Euro als gemeinsamer Währung haben sich 17 europäische Mitgliedsstaaten auf das Engste miteinander verbunden. Dieses Fundament hat sich aber noch nicht als wirklich wetter- und krisenfest erwiesen. Um unsere Währung dauerhaft krisenfest zu machen, müssen wir das Übel nun bei der Wurzel packen – und dieses Übel ist die hohe Verschuldung.

Generaldebatte im Bundestag
Schwer zu tragen. Eine Rede an die Nation hatte die Kanzlerin nicht dabei, ein wenig Pathos aber schon.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dapd
07.09.2011 13:23Schwer zu tragen. Eine Rede an die Nation hatte die Kanzlerin nicht dabei, ein wenig Pathos aber schon.

Aber wie?
Wir müssen Schritte zu mehr miteinander und aufeinander abgestimmter Finanz- und Wirtschaftspolitik gehen. Das heißt, jedes Euroland muss sich verpflichten, das auch einzuhalten, was man mit den Partnern verabredet hat. Erste Erfolge kann man schon sehen. Überall in der Euro-Zone wird jetzt über eine nationale Schuldenbremse als Selbstverpflichtung der Parlamente gesprochen. Nun müssen wir in der jetzigen Krise prüfen, wie wir im Rahmen der bestehenden Verträge Kompetenzen in Europa bündeln. Über den Tag hinaus werden wir dann auch überlegen müssen, ob wir die Verträge ändern. Das allerdings wird sehr wohl durchdacht sein müssen, denn die Euro-Zone umfasst 17 Länder, aber alle 27 Mitgliedstaaten der EU müssten das akzeptieren. Die Integration Europas jedenfalls muss vorangetrieben werden.

Was die Kanzlerin über den Lissabonvertrag denkt, lesen Sie auf Seite zwei.

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