Politik : Ans Messer geliefert

Amerikaner wie Pakistaner waren am Tod bin Ladens interessiert

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Auch drei Tage danach scheinen die Umstände des Todes von Osama bin Laden wie ein Puzzle, dessen Teile sich nicht zu einem Gesamtbild fügen. Es gibt eine Version, die Washington verbreitet. Es gibt Verschwörungstheorien. Und es gibt eine absonderlich wirkende Reaktion Islamabads. Die Pakistaner werden nicht müde zu erklären, dass die US-Operation „ohne Wissen und ohne Billigung“ ihrerseits durchgeführt wurde. Auch CIA-Chef Leon Panetta stützt diese Version nun. Man habe Pakistan nicht in die geplante Aktion gegen bin Laden eingeweiht. Das Land hätte sonst den Zugriff gefährdet, erklärte Panetta. Man kann dies als böse Kritik auslegen – oder aber als offizielles Alibi, dass Pakistan nicht verwickelt ist. Mehr noch: Pakistans Regierung behauptet, dass sie keine Ahnung hatte, dass der Al-Qaida-Gründer in Abbottabad hauste, wo es von Militärs und Geheimdienstlern nur so wimmelt. Es scheint, Pakistans gefürchteter Geheimdienst ISI steht lieber düpiert da als in den Ruch zu geraten, an seinen Händen klebe das Blut bin Ladens.

Doch kaum jemand, der Pakistan ein wenig kennt, mag die Fabel von den unfähigen ISI-Agenten glauben. „Wurde er verraten? Natürlich“, schreibt der britische Terrorexperte Robert Fisk im „Independent“. „Pakistan wusste seit langem, wo er steckte.“ Der indische Analyst M. K. Bahdrakumar ist überzeugt, dass Pakistan bin Laden ans Messer lieferte. Er nimmt der Regierung in Islamabad auch nicht ab, dass sie nichts von dem geplanten US-Zugriff wusste. Die militärnahe pakistanische Zeitung „The Nation“ will erfahren haben, dass Stunden vor dem US-Zugriff auch ausgewählte Einheiten der Armee in Abbottabad in Bereitschaft für einen Einsatz gegen Terroristen versetzt wurden. Sollte Pakistan seine Hände im Spiel gehabt haben, ist es jedoch klug beraten, dies zu dementieren: Der islamische Staat muss Angst vor einer Dolchstoßlegende haben. „Pakistan könnte den Preis für bin Ladens Tod zahlen“, warnt der Analysedienst „Asia Times online“ bereits. Fanatiker könnten blutige Rache schwören.

Schon seit Jahren kursierten Gerüchte, dass Pakistan weiß, wo bin Laden ist. Und möglicherweise auch die USA eingeweiht waren. „Es war ein Tod, den man hätte vorhersagen können“, meint Bhadrakumar. „Bin Ladens Zeit war abgelaufen.“ Der Al-Qaida-Gründer sei gewissermaßen die Morgengabe Islamabads an Obama gewesen, um Pakistans Rolle im Endspiel in Afghanistan zu stärken. „Stillschweigend schätzt Obama, dass Pakistan ein so großes Risiko auf sich genommen hat, da der Al-Qaida-Führer für Pakistans Massen immer noch eine hochemotionale Figur ist.“ Zudem konnte der angeschlagene Obama einen Befreiungsschlag dringend brauchen. Während Westmedien noch über den Schlagabtausch zwischen Washington und Islamabad berichteten, saßen beide Seiten längst wieder an einem Tisch zusammen: Der Sondergesandte der USA, Marc Grossman, traf sich am Dienstag in Islamabad mit Vertretern von Pakistan und Afghanistan. Es ging um die Zukunft am Hindukusch. Die USA und Pakistan „wollen den Krieg beenden“, sagt Bhadrakumar. Bin Ladens Tod könne dies beschleunigen.

In Abbottabad suchen Journalisten derweil weiter nach Spuren, um die letzten Tage bin Ladens zu rekonstruieren. Von den Wänden des Hauses, in dem er angeblich mit seiner Großfamilie lebte, blättert die Farbe ab. Für pakistanische Verhältnisse ist das Gebäude geräumig, aber fraglos keine millionenteure Luxusvilla. Die Räume sind karg möbliert. Nicht einmal eine Klimaanlage gibt es, dafür aber viel Stacheldraht und Überwachungskameras. Es könnte ein Terroristenrefugium sein. Aber auch ein Gefängnis.

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