Anschlag auf Touristen : Al-Qaida wird in Ägypten immer mächtiger

Während Ägyptens Regierung die Muslimbrüder bekämpft, wird al-Qaida auf dem Sinai immer mächtiger. Der Anschlag auf die Touristen in Taba könnte die Destabilisierung des Landes noch beschleunigen.

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Der ausgebrannte Touristenbus in Taba auf dem Sinai. Foto: dpa
Der ausgebrannte Touristenbus in Taba auf dem Sinai.Foto: dpa

Sie waren auf christlicher Pilgerreise. Für drei Mitglieder der südkoreanischen Gruppe und ihren ägyptischen Fahrer endete die Fahrt von Kairo nach Jerusalem im Inferno. Kurz vor dem Grenzübergang in Taba auf dem Sinai, als einige sich kurz die Beine vertreten wollten, zündete nach ersten Ermittlungen ein Selbstmordattentäter eine Bombe nahe der Tür. Das Vorderdach wurde weggerissen, im Inneren loderten meterhoch die Flammen. 15 Passagiere mussten mit schweren Verletzungen an Beinen und Armen ins Krankenhaus gebracht werden.

Bekannt hat sich zu dem Anschlag der Qaida-Ableger "Ansar bait al-maqdis" - die "Unterstützer des heiligen Hauses". Die größte unter den Splittergruppen al-Qaidas verübte erstmals vor vier Wochen ein Attentat auf ägyptischem Boden, als sie einen Kampfhubschrauber mit fünf Soldaten ab, eine Terrortat, die sie – mit Gebetsgesängen unterlegt – auf Video dokumentierte. Laut Bekennerbrief stehen sie auch hinter dem Selbstmordattentat auf Innenminister Mohamed Ibrahim im September.

Für Ägypten ist es das erste große Terrorattentat auf Touristen seit knapp einem Jahrzehnt. „Ich bin über diesen Vorfall sehr schockiert“, sagte Fremdenverkehrsminister Hesham Zazou. Binnen Stunden erließ Südkorea eine Reisewarnung für den gesamten Sinai, andere Länder könnten folgen. Schon jetzt sind Tempel, Museen, Hotels und Nilschiffe nahezu leer. Einzig die Badeorte am Roten Meer konnten noch halbwegs auf Kundschaft aus dem Ausland zählen.

Al-Qaida-Ableger bekennt sich zu Anschlägen

„Ägypten kämpft gegen den Terror“, unter dieser Parole war die vom Militär installierte Regierung Mitte 2013 angetreten. Hunderttausende Muslimbrüder hat sie inzwischen pauschal zu Terroristen erklärt. Doch der wirklichen Bedrohung, den Qaida-Extremisten auf dem Sinai, werden die Sicherheitskräfte nicht Herr. „Sie sind die größte Terrorgefahr für Ägypten“, urteilt Zack Gold vom amerikanischen Thinktank "Brookings Institution", der eine detaillierte Studie über die Sicherheitslage auf dem Sinai publizierte.

Die Gotteskrieger hätten ihre Reichweite enorm vergrößert, würden längst nicht mehr nur auf der Wüstenhalbinsel operieren, sondern auch in der Hauptstadt Kairo und im Nildelta. „Das Ganze ist erst der Beginn und könnte die Destabilisierung Ägyptens sehr beschleunigen“, pflichtet ihm David Barnett bei, Spezialist für den Sinai bei der „Stiftung Verteidigung der Demokratie“ in Washington.

Am Weihnachtsabend zerstörte in Mansura eine Autobombe die Polizeizentrale und riss 15 Menschen mit in den Tod. Ende Januar starben bei einem Anschlag auf das Polizeipräsidium von Kairo vier Personen, das Islamische Museum gegenüber wurde ebenfalls schwer verwüstet. Mittlerweile sterben in den Suezkanal-Städten und Außenbezirken von Kairo Tag für Tag Polizisten durch vermummte Motorradattentäter. „Die Rache kommt“, drohte ein im Internet veröffentlichtes Pamphlet Armeechef Abdel Fattah as-Sisi, der vor sieben Monaten den Muslimbruder-Präsidenten Mohammed Mursi stürzte und sich demnächst wohl zu dessen Nachfolger küren lassen will.

Ägpyten: Ein Land kommt nicht zur Ruhe
Das Symbol der Anhänger Mohammed Mursis: die Hand mit vier ausgestreckten Fingern. Wut und Hoffnung liegen im Ägypten dieser Tage nahe bei einander. Fast täglich kommt es in den Städten zu neuen blutigen Auseinandersetzungen zwischen ägyptischen Soldaten und Gegnern des Militärs. Die Anhänger des gestürzten Mohammed Mursi protestieren noch immer, dem Präsidenten soll ab dem 4. November 2012 vor einem Kairoer Gericht der Prozess gemacht werden. Unterdessen werben in den Straßen der Hauptstadt Unterstützer von Militärchef Abdel Fattah al Sisi um Wähler. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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10.10.2013 09:34Das Symbol der Anhänger Mohammed Mursis: die Hand mit vier ausgestreckten Fingern. Wut und Hoffnung liegen im Ägypten dieser Tage...

„Ansar bait al-maqdis“ wurde 2011 kurz nach dem Volksaufstand gegen Husni Mubarak auf dem Sinai gegründet. Ziel der Gotteskrieger waren ursprünglich Attentate auf die Gas-Pipeline zwischen Ägypten und Israel sowie Raketenangriffe auf israelisches Territorium wie kürzlich auf den Badeort Eilat. Experten schätzen die Zahl der Dschihadisten auf 700 bis 1000, die meisten stammen aus Ägypten, zunehmend sickern aber ausländische Kämpfer aus Syrien, dem Irak sowie Afghanistan ein, die das Know-how für schwere Attentate mitbringen.

Attentat in Taba - ein düsterer Wendepunkt?

Wie der spektakuläre Abschuss des Militärhubschraubers zeigt, verfügen die Militanten mittlerweile über moderne Boden-Luft-Raketen. Diese stammen wahrscheinlich aus Libyen und könnten auch der zivilen Luftfahrt gefährlich werden. Einen ersten Vorgeschmack bekam die Region im vergangenen Oktober, als die KLM-Chartertochter Transavia von einem auf den anderen Tag alle Touristenflüge zum ägyptischen Badeort Sharm ash-Sheikh absagte mit der Begründung, aus dem Sinai sei eine Raketendrohung eingegangen.

Und so könnte das Selbstmordattentat von Taba am Wochenende einen düsteren Wendepunkt markieren, wie Iman Ragab vom Kairoer Thinktank „Al-Ahram Zentrum für Politische und Strategische Studien“ erläutert. Solange Polizeigebäude angegriffen wurden, war das Indikator für ein Sicherheitsvakuum im Land. „Wird jetzt auch der Tourismus attackiert, dann lautet die Botschaft: Ägypten ist derzeit kein Ort mehr für Touristen.“

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