Anschlag in Paris : "Das ist vielleicht nur der Anfang"

Der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser ist nach dem Anschlag von Paris schockiert. "Man hat nicht erwartet, dass sich eine solche Mordtat gegen eine Satirezeitschrift richten würde", sagt Grosser im Interview mit dem Tagesspiegel.

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Der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser.
Der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser.Foto: dpa

Herr Grosser, Frankreich wird von einem schweren Attentat mit mindestens zwölf Toten erschüttert. Wie reagieren Sie auf den Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“?
Das ist vielleicht nur der Anfang. Bislang haben wir in Frankreich nur sehr wenige Attentate verzeichnet. Im März 2012 verübte Mohamed Merah ein Attentat in Toulouse, das sich sowohl gegen Juden als auch gegen moslemische Unteroffiziere richtete. Man muss sich nun möglicherweise auf einiges gefasst machen. Niemand weiß bis jetzt, wer die Schuld für das Attentat in Paris trägt und wer die Täter gewesen sind. Aber fest steht: Man hat nicht erwartet, dass sich eine solche Mordtat gegen eine Satirezeitschrift richten würde.
Es war allerdings nicht der erste Anschlag, der sich gegen „Charlie Hebdo“ richtete.
Nein, aber gab in der Vergangenheit nur einige, die empört waren über die Haltung dieser Satirezeitschrift. Aber dass es einen Massenmord geben würde, war nicht abzusehen.
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften in Frankreich beschreiben? Gerade hat der Romancier Michel Houellebecq ein Buch mit dem Titel „Unterwerfung“ herausgebracht, das auch die Furcht vor dem Islam schüren könnte.
Der Roman bekommt viel Reklame, obwohl alle sagen, dass es ein furchtbares Buch ist. Das ist eine unserer Medienerscheinungen, die sowohl in Frankreich als auch in Deutschland zu beobachten sind: Wenn ein Buch skandalös ist, bekommt es eine große Auflage. In Houellebecqs Buch wird die Machtübernahme durch einen Kandidaten einer muslimischen Partei beschrieben. Alle sind sich aber in der Realität einig, dass die Verhältnisse in Frankreich völlig anders sind. Die Kirchen verhalten sich im Moment wunderbar im Kampf gegen den Anti-Islamismus.

In Houellebecqs Buch wird beschrieben, dass die Franzosen den muslimischen Kandidaten zum Präsidenten küren, um eine Machtübernahme der Front-National-Chefin Marine Le Pen zu verhindern.
Wenn man die Ausbreitung von rechtspopulistischen Bewegungen in Deutschland und Frankreich vergleicht, so muss man feststellen: In Frankreich hätte Marine Le Pen eine bessere Aussicht, gewählt zu werden, als die entsprechenden Leute in Deutschland. Der Grund: Marine Le Pen tritt zurückhaltend auf, während die „Pegida“-Demonstranten in Dresden dies nicht tun.
Eine anti-islamische Bewegung wie in Dresden ist also in Frankreich eher unwahrscheinlich?
Demonstrationen wie in Dresden gibt es in Frankreich nicht, das kann aber noch kommen. Das tägliche Leben des Islam in Frankreich verläuft gut, auch wenn es manchmal Zwischenfälle gibt. Es gibt in Frankreich mehr Angriffe gegen Moscheen als gegen Synagogen, der Antiislamismus ist also stärker als der Antisemitismus. Zum insgesamt guten Verhältnis zwischen den Angehörigen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften trägt auch bei, dass viele der in Frankreich lebenden Muslime einen algerischen Ursprung haben, gut französisch sprechen und gut integriert sind. Viele Medienleute in Frankreich haben einen islamischen Namen – und es stört niemanden.
Unternimmt die französische Regierung genug, um islamistische Attentate zu unterbinden?
Staatschef Hollande hat nach dem Attentat gesagt, dass in den letzten Wochen einige Attentate verhindert worden seien.
Das lässt darauf schließen, dass es in Frankreich entweder ein islamistisches Netzwerk oder radikalisierte Einzeltäter gibt.
Niemand weiß, was in den Köpfen derjenigen vorgeht, die aus dem Krieg in Syrien zurückkommen – wenn sie denn überhaupt lebendig zurückkommen. Viele von denen, die zurückkommen, sind vor allem ernüchtert. Aber es können auch einige darunter sein, die Terrorakte verüben wollen.
In welchen Milieus rekrutieren die Dschihadisten ihre Anhänger?
In allen. Auch in gutbürgerlichen Milieus, in denen man das nie erwartet hätte...
... also geht es nicht nur um junge Männer, die keine Perspektive mehr haben...
Keineswegs. Hinzu kommt, dass eine Hinwendung zum so genannten Dschihad gelegentlich innerhalb kürzester Zeit geschehen kann.

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