Ariana-Grande-Konzert : Terror von Manchester – Anschlag auf die Jugend

Der Attentäter hat sich Zugang verschafft zu Herzen und Hirnen einer jungen Generation, die für die Botschaft der Angst bisher schwer erreichbar war. Darin liegt die neue Qualität des Terrors. Ein Kommentar.

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Nach dem Anschlag strömen die Fans aus der Arena in Manchester.
Nach dem Anschlag strömen die Fans aus der Arena in Manchester.Foto: Reuters

Mach dir keine Sorgen, singt Ariana Grande, 23 Jahre alt, fast selbst noch ein Kind, auf ihrem aktuellen Album. Baby, weißt du nicht, dass Tränen kommen und gehen? Alles wird gut, das ist die Botschaft für ihre Fans – bitter-süße Teeniewelt. In der Nacht zu Dienstag hat ein Selbstmordattentäter in Manchester auf einem Konzert der US-Sängerin diese Welt gesprengt. Sich Zugang verschafft zu Herzen und Hirnen einer jungen Generation, die für die Botschaft der Angst bisher schwer erreichbar war. Darin liegt die neue Qualität des Terrors.

Mindestens 22 Menschen sind tot, darunter viele junge und ihre Eltern. Dass Kinder betroffen sind, ist schon bösartig genug. Dass es Kinder weltweit darüber hinaus betroffen macht, ist das perfide Kalkül der Terroristen. Man muss sich den Anschlag von Manchester als Attacke auf die beste Freundin von Millionen Jugendlichen vorstellen, wenn man begreifen will, was für ein Propaganda-Erfolg das für den IS war.

Ariana Grande ist für Jugendliche ein Weltstar, wurde bekannt für ihre Rolle in einer Serie im Kinderkanal „Nickelodeon“. Relevanteste Zielgruppe: 10 bis 13-Jährige. Noch heute sind ihre Fans fast ausnahmslos Teenager, die sich wohl mehrheitlich für ihre Welt, ihr Smartphone und eben ihre Idole interessieren – jedenfalls nicht für die Tageschau, die Kommentarspalten oder die krude Propaganda von IS, Al-Qaida und Co.. Terror blieb abstrakt, ernster Kram für ernste Leute, Probleme der anderen. Doch nach dem Anschlag von Manchester erreicht sie die Angst über Snapchat, Whatsapp und Youtube direkt. Und es gibt kaum einen besseren Multiplikator, um an diese Zielgruppe heranzukommen, als Ariana Grande.

Allein auf dem Foto-Portal Instagram erreicht sie mehr als 106 Millionen Kids, 45 Millionen auf Twitter, 30 Millionen auf Facebook. „Ich bin am Boden zerstört. Mir fehlen die Worte“, schrieb sie nach dem Anschlag. Mehr als 1,3 Millionen reagierten darauf. Andere Teeniestars wie Justin Bieber, Selena Gomez, Miley Cyrus oder Taylor Swift stiegen mit ein – angesichts der Reichweite von mehreren hundert Millionen allein dieser vier Künstler kann man davon ausgehen, dass der Anschlag in Manchester in fast jeder Familie mit Kindern Thema war – und nun zum Thema der Kinder wird.

Popstars sind Projektionsflächen. Für Sehnsüchte, Ideale, Wut und Trost. Viele Jugendliche konstruieren daraus eine emotionale Bindung. Die Beziehung mag nicht echt sein, doch die Gefühle sind es. Man muss sich nur erinnern, dass 1996, als die Boygroup Take That sich auflöste, in Deutschland und vielen anderen Ländern zusätzliche Seelsorge-Hotlines eingerichtet wurden, um verzweifelte Jugendlichen vom Suizid abzuhalten.

Ariana Grande hat allein auf Istagram mehr als 106 Millionen Follower.
Ariana Grande hat allein auf Istagram mehr als 106 Millionen Follower.Foto: picture alliance / dpa

Heute erwecken Stars wie Ariana Grande durch ihre Omnipräsenz im Netz den Eindruck der Verfügbarkeit, mit unzähligen vermeintlich privaten Fotos die Illusion von Nähe. Die Kinderstars von heute sind nicht mehr nur Prominente – sie sind „Freunde“. Mit denen man leidet, wenn sie Herzschmerz haben, sich ein Bein brechen oder einen peinlichen Auftritt hatten. Wie müssen sich ihre Fans erst nach einem Terroranschlag fühlen?

Die Rituale der Erwachsenen – Beileidsbekundungen und Sehenswürdigkeiten anstrahlen – werden diesmal nicht ausreichen. Wer helfen will, muss sich dort kümmern, wo von nun an die Verunsicherung sitzt. Im Kinderzimmer.

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