Armut in Deutschland : Wovon wir reden, wenn wir von Armut reden

Die Armutsmeldungen schrecken auf, aber erklären wenig. Jede Definition erzeugt ein anderes Ergebnis. Was fehlt, ist die Debatte darüber, was Armut ist. Ein Kommentar.

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Wer soll was haben? Diese gesellschaftlich Kernfrage wird zu wenig debattiert.
Wer soll was haben? Diese gesellschaftlich Kernfrage wird zu wenig debattiert.Foto: dpa

Die Meldungen zum Thema Armut klingen seit Jahren ähnlich: Sie wächst – als Kinderarmut, Altersarmut, Armutsrisiko, Angst vor Armut. Und zugleich wachsen auch die Zweifel an der Definition von Armut.

Was ist Armut in einem wohlhabenden Land?

Derzeit wird Alarm ausgelöst bei einem Wert, der bei rund 60 Prozent des Medianeinkommens* liegt. Wer weniger hat, gilt als armutsgefährdet. Dass diese Grenze ihre Tücken hat, liegt auf der Hand: Steigen oben die Gehälter, sind Menschen mit Einkommen, die eben noch normal waren, plötzlich armutsgefährdet, ohne dass sich irgendetwas an ihrer Situation geändert hätte.

Andere Definitionen orientieren sich an Ressourcen, also an der Frage: Wofür gebe ich mein Geld aus? Der Sozialschutzausschuss der EU hat neun Punkte aufgeschrieben und festgelegt, dass, wer unter Entbehrungen in mindestens drei Punkten leidet, als „materiell depriviert“, also benachteiligt, gilt. Und wer unter vier Entbehrungen leidet, gilt als „erheblich materiell depriviert“.

Die neun Punkte sind: Rückzahlung von Schulden und Krediten, angemessene Beheizung der Wohnung, kann ich unerwartete Ausgaben tätigen, gibt es jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder einer vegetarischen Alternative, findet einmal pro Jahr ein einwöchiger Urlaub statt, habe ich ein Auto, einen Fernseher, Telefon und eine Waschmaschine.

Dass eine ressourcenorientierte Armutsdefinition besser ist als eine rein monetäre, wird schnell klar. Die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet ab drei Entbehrungen der Unterschied gemacht wird, aber nicht. „Warum nicht ab vier oder fünf?“, fragt etwa der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld und stellt fest: „Auch diese Festlegung ist letztlich normativ.“ Und wer entscheidet da? Im Sozialschutzausschuss sitzen laut Satzung je zwei Vertreter der EU-Länder, auf Bundesebene fußen die Hartz-IV-Sätze auf Einkommens- und Verbraucherstichproben des Statistischen Bundesamtes, was im Detail die entsprechenden Sozialgesetze regeln.

Ist das richtig so? Jede Festlegung verändert die Ergebnisse.

Programmkino oder Cinemaxx? Was brauchen Menschen und was nicht?

Laut Lengfeld sank die Zahl der nach der Neun-Punkte-Liste „materiell Deprivierten“ in Deutschland zwischen 2008 und 2015 von 13 Prozent auf 10,7 Prozent. Sein Clou: Nach den reinen Einkommenskriterien sei sie dagegen im selben Zeitraum von 15,2 auf 16,7 Prozent gestiegen.

Aber das sind alles nur die Zahlen, die über das Leben in relativer oder erheblicher Armut letztlich nicht viel aussagen. Darum bräuchte es eine gesellschaftliche Debatte über Armut. Was sie ausmacht, wie viel Armut zumutbar ist, was Menschen haben müssen und was nicht. Was ist mit den Punkten aus der EU-Liste: Auto, Telefon, Fernseher, Fleisch? Die klingen doch seltsam genug, wenn zugleich die öffentlichen Debatten das Auto verteufeln, Fisch- und Fleischkonsum als Raubbau an Fauna und Klima geißeln und den Fernseher abschreiben, weil ins Smartphone geschaut wird, was auch die Telefonfrage veraltet wirken lässt. Ist vielleicht eher der Smartphonebesitz unerlässlich für eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben? Und was ist mit Sport? Reicht die Mitgliedschaft im Turnverein oder braucht es auch die sportartspezifischen Turnschuhe? Oder Kultur? Reicht Programmkino oder darf es ein Cinemaxx sein, und was ist mit Popcorn? Einmal im Monat? Einmal im Jahr? Gar nicht? Und sollen alle Armen gleich unterstützt werden, unabhängig von der Ursache ihrer Lage? Der selbstherrliche Arbeitsmuffel, der sich durchmogelt, die Alleinerziehenden, die sich zwischen Kind und Teilzeitjob aufreiben, und die vom System lange vergessenen Hausfrauen? Soll, kann, darf man da überhaupt unterscheiden, und wenn ja, wie?

Für die rein monetäre Abhandlung sozialer Fragen spricht, dass sie am praktikabelsten ist. Ausrechnen, auszahlen, fertig. Dem Einzelfall angemessen ist es darum natürlich noch lange nicht. Reiner Höft-Dzemski vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge sagte 2015 mit Blick auf die Nahrungsmittelberechnungen, „eine bedürftige Großmutter erhält so viel wie ein 25-jähriger Mann“ – was die Schwachstellen des Pauschalsystems deutlich macht. Die können nur denen egal sein, die das Hilfeleistungssystem als Strafe sehen für das Versäumnis, selbst ausreichend für sich gesorgt zu haben.

Der Wahlkampf hätte eine Gelegenheit für eine große Debatte über Armut sein können. Die kam nicht auf. Auch ein Armutszeugnis irgendwie, aber wieder ein ganz anderes.

*- Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir den Begriff Durchschnittseinkommen benutzt. Richtig ist aber der Begriff Medianeinkommen. Dies haben wir korrigiert.

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