Aserbaidschan vor dem ESC : Kein bisschen Freiheit

Die Journalistin Khadija Ismayilova hat getan, was kaum ein anderer mehr wagt in Aserbaidschan: Sie enthüllte dubiose Geschäfte der Familie des autoritären Präsidenten – und wurde erpresst. Doch einschüchtern lässt sie sich nicht. Sie recherchiert weiter.

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Andere Meinung unerwünscht. Sicherheitskräfte bei einer Demonstration in Baku im vergangenen Jahr. Auch in dieser Woche gingen Polizisten wieder gewaltsam gegen Demonstranten vor.Weitere Bilder anzeigen
Foto: REUTERS
25.03.2012 14:52Andere Meinung unerwünscht. Sicherheitskräfte bei einer Demonstration in Baku im vergangenen Jahr. Auch in dieser Woche gingen...

Sie hat gegen die Angst gekämpft und gewonnen. Zumindest dieses Mal. Khadija Ismayilova versucht weiterzuleben, als sei nichts passiert, als habe nicht gerade ein Brief ihr Leben verändert.

Die aserbaidschanische Journalistin öffnet die Wohnungstür nicht mehr selbst. Ein durchtrainierter Mann mit kurzen grauen Haaren schließt die Tür auf und mustert jeden Besucher eindringlich. Ein Bekannter „mit militärischem Hintergrund“ sei das, sagt sie. Das Haus verlässt sie nur, wenn es sein muss. Sie ist nie mehr allein, Tag und Nacht ist jemand bei ihr. Denn ihre Freunde glauben, dass ihr Leben in Gefahr sei – weil sie über Dinge geschrieben hat, über die man in Aserbaidschan besser nicht spricht.

So ist der Esstisch der kleinen Wohnung am Narimanow-Platz in Baku für die 36-Jährige zum Lebensmittelpunkt geworden. Neben ihrem Laptop stapeln sich auf der geblümten Decke Papiere, ein Notizblock und die Visitenkarten von Menschen, die aus der ganzen Welt kommen, um bei schwarzem Tee mit Honig ihre Geschichte zu hören. Denn wer in diesen Tagen wissen will, wie es in Aserbaidschan um die Freiheit steht, der ist bei der bekanntesten investigativen Journalistin des Landes genau richtig.

Der Brief kam vor zwei Monaten. Abgestempelt war er in Moskau. Er enthielt sechs Fotos und einen Zettel mit den Worten: „Hure, benimm dich, oder du wirst verleumdet.“ In dieser Zeit arbeitete sie wieder einmal an einer Geschichte über die undurchsichtigen Geschäfte der Präsidentenfamilie. Sie ist derzeit vielleicht die Einzige in ihrem Land, die sich an dieses Thema überhaupt noch heranwagt. Präsident Ilham Aliyev regiert das Land seit 2003 autoritär, zuvor war bereits sein Vater Präsident. Im Parlament gibt es keine echte Opposition mehr, Regierungsgegner sitzen im Gefängnis, Sicherheitskräfte prügeln auf Demonstranten ein.

Lange, bevor sie den Umschlag in der Hand hielt, hatte sie darüber nachgedacht, was sie in so einem Fall tun würde. Damals hatte sie entschieden, auf keinen Fall klein beizugeben: „Ich war bereit, dagegen anzukämpfen“, sagt sie. Doch leicht wurde es nicht. Die Fotos zeigten sie beim Sex, aufgenommen wurden sie im vergangenen Sommer in ihrem Schlafzimmer. „Meine Wut war größer als meine Angst.“ Die Journalistin ging zur Arbeit und machte ihre Sendung bei Radio Liberty, als sei nichts geschehen. Am Abend schaltete sie ihren Laptop ein, ging auf ihre Facebook-Seite und berichtete von der Erpressung. „Ich werde meine berufliche Tätigkeit und meine Arbeit fortsetzen“, schrieb sie. Denn wer den Journalistenberuf ernst nehme, könne nicht anders handeln.

Wenig später machten die Erpresser ihre Drohung wahr. Im Internet tauchte ein Sexvideo auf. Regierungstreue Zeitungen, darunter das Blatt der Präsidentenpartei, griffen die unverheiratete Frau persönlich an, warfen ihr einen unmoralischen Lebenswandel vor. In ihrem Land gebe es immer noch Ehrenmorde, sagt die Journalistin. Über die Probleme, die all das in ihrer Familie verursachte, will sie nicht reden. An die Öffentlichkeit zu gehen, sei für eine Frau in einem so konservativen Land wie Aserbaidschan sehr mutig gewesen, sagt der Blogger Emin Milli. Das hätten andere in einer ähnlichen Situation nicht getan. Aus seiner Sicht ging es nicht nur um Erpressung: „Das war eine Anstiftung zum Mord.“

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