Politik : Atemnot am Zauberberg

Eine Klinik, eine Institution: Die Deutsche Hochgebirgsklinik in Davos. Hier genasen die Lungenkranken auf Kasse. Immer wieder überstand sie Krisen. Jetzt droht ihr der endgültige Konkurs.

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1901
1901

Im schönen Monat September war’s, da stockte der Landschaft der Atem. Das geht in der Schweiz, im Kanton Graubünden, wo die Bürger die Flächengemeinde Davos kurzerhand Landschaft nennen. Der eben noch goldene Bergsommer probt schon den Bergherbst, tief hängen die Regenwolken im Landwassertal, als eine Bombe platzt: Der Deutschen Hochgebirgsklinik im Ortsteil Wolfgang droht der Konkurs. 350 Betten, 220 Angestellte, mehr als 112 Jahre Tradition.

Von Stund an herrscht Aufregung bei Menschen und Medien. „Klinik scheitert an veränderter Welt“, titelt die „Davoser Zeitung“. Patienten informieren sich per Telefon und E-Mail. Im Postauto gibt es zwischen Touristen und Einheimischen nur ein Thema. Auf der Klinik-Homepage wird eine Schließung zum Jahresende avisiert. Entsetzen und Trauer allerorten. Es riecht nach Schnee, schon flockt er kühl herunter. Asthmatiker in ganz Deutschland ringen nach Luft.

Auch Landammann Tarzisius Caviezel ist geschockt. Eine volkswirtschaftliche Katastrophe sei das, sagt der Bürgermeister, ein Imageschaden für den Gesundheitsplatz Davos. Das ist ja nicht irgendeine Klinik. Und es ist nicht irgendein Ort auf der Welt. Es ist die einzige verbliebene Hochgebirgsklinik für sozialversicherte Deutsche. Und die letzte richtige Lungenklinik im auf der ganzen Welt berühmten Luftkurort Davos.

Zusammen mit einer Schweizer und einer niederländischen Einrichtung das letzte Überbleibsel der mehr als 40 Sanatorien, die es 1944 noch hier gab. Ein eigenes Klinikgebäude haben die Niederländer gar nicht mehr. Ihr Asthmazentrum ist mit 50 Betten Untermieter in der deutschen Klinik. Das elfenbeinfarbene historische Sanatoriumsgebäude mit der typischen Balkonlogenfront wurde dieses Jahr abgerissen. Reiß ab, bau auf, so ist das in Davos. Über der Baugrube kreisen jetzt in Erwartung eines Supermarktes und neuer Ferienappartements die Kräne. Und die Zürcher Höhenklinik im Ortsteil Clavadel hat sich als Rehabilitationsklinik auf Krankheiten des Bewegungsapparates und Burn-out spezialisiert und erst im vergangenen Jahr wieder eine pneumologische Abteilung eingerichtet. Doch die hat keine Verträge mit deutschen Kassen.

Im Gegensatz zur Hochgebirgsklinik auf der anderen Seite des auf 1600 Höhemetern gelegenen, von Zwei- bis Dreitausendern umstandenen, jedes Jahr dichter mit Betonwürfeln bestreuten, aber immer noch lieblichen Hochtals. Hier am Fuß des Wolfgang-Passes, der das Landwassertal von Klosters im Prättigau trennt, hat 1901 der Hamburger Konsul Hermann Burchard ein Werk der Nächstenliebe aufgerichtet: ein Volkssanatorium – die Deutsche Heilstätte für minderbemittelte Lungenkranke. Herrlich eingeschmiegt zwischen Bergen, Wald und dem schimmernden Davosersee.

Burchard kam 1890 ins Gebirge, wie der Lokalhistoriker Klaus Bergamin in seinem Sanatoriums-Buch „Zeit des Krankseins – Zeit des Gesundens“ schreibt. Natürlich seiner Tuberkulose wegen. Um 1900 stirbt in Europa jeder siebte Mensch an der Infektionskrankheit. Bei Burchard heilt sie in der segensreichen Höhenluft wieder. Er bleibt für immer da. Burchard war ein Christenmensch, das Spendenerbetteln für den Heilstättenbau versteht er als Gottes Auftrag. Wie du glaubst, so geschehe dir. Die ersten 80 Betten sind ruckzuck belegt, bald muss erweitert werden. Ein Trakt für Schwerstkranke wird 1905 von Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. finanziert. Wobei Burchards Nächstenliebe Lehrern, Pfarrern, Offizieren oder Beamten gilt, die sich keine teuren Privatsanatorien leisten können und in den ärmlichen Pensionsstuben des seit 1860 zum Kurort mutierenden Bergbauerndorfs hausen.

Arme deutsche Proletarier haben Davos wenn überhaupt nur als Soldaten mit offener Tb gesehen. Davon sprechen die Kriegsgräber im Wald hinter den Klinikgebäuden. Umstanden von knarrenden Tannen hält die Gründerfamilie Burchard hier unter einer schweren Grabplatte über das Erbe Wacht. Dankbare Patienten haben ihrer mit einem Obelisken am Haupteingang des Geländes gedacht.

Drinnen am Empfang des lichten Neubaus, der 1994 eröffnet wurde und das Vermögen der Klinikstiftung bis heute heftig belastet, stehen die Rezeptionistinnen und hoffen. Dass es mit der Klinik, mit ihrer Arbeit, mit der Tradition weitergeht. Immerhin ist dies eine Heilstätte, die von Reichskanzlern und Bundespräsidenten besucht wurde. Die sich immer wieder aufgerappelt hat, als die Patienten im Ersten und Zweiten Weltkrieg wegblieben. Und als ein Biochemiker 1944 das Antibiotikum Streptomycin erfindet und Ärzte erstmals wirksame Medikamente gegen die Tuberkulose einsetzen können, statt Milch mit Cognac, Veltliner, sechs Mahlzeiten am Tag und die strenge Liegekur zu empfehlen, wie das im Medizinhistorischen Museum als Therapie nachzulesen ist.

Der Klinikbetrieb in Wolfgang läuft weiter wie immer: Patienten mit Rucksäcken kommen vom Wandern. Die im Sportdress sind unterwegs zur Physiotherapie, zum Ausdauertraining, zur Inhalation. Rote und blaue Linien auf dem Boden weisen den Weg zu Speisesaal und Stationen. Nur wenn einer hustet, giemt, brodelt oder rasselt, schaut ihn sein Gegenüber wissend an. Willkommen im wenig exklusiven, weil weltweit wachsenden Club der Atemwegs- und Allergiekranken. Neurodermitiker bitte raustreten, euch ist eure Überempfindlichkeit anzusehen.

Mit dem verwunschenen Zauberberg, wie Thomas Mann ihn 1924 in seinem ultimativen Sanatoriumsroman beschrieben hat, hat dieses technisch aufgerüstete, ganz auf den disziplinierten, sich selbst zum Manager seiner chronischen Krankheit weiterbildenden Patienten abgestellte Krankenhaus nichts und doch sehr viel zu tun. Die verwegene Hoffnung auf Heilung nämlich, den moribunden Seufzer „Was am Ende sollte denn helfen, wenn nicht Davos?“, den Walter Jens, im Juni verstorbener Rhetorik-Professor zu Tübingen, Gelehrter und Asthmatiker, in seine flammende Festrede zum 75. Bestehen der Hochgebirgsklinik webt.

Er könnte glatt von Hermann Reisch und Ute Eberlein sein. Sie haben die letzten beiden Wochen seit der Nachricht vom drohenden Konkurs nicht nur mit ihrem Krankentagwerk, verbracht, sondern als Patienteninitiative Gott und die Welt für die Erhaltung der Klinik mobilisiert. Wie sie da so rosig in der Caféteria sitzen, ist ihnen kein persönliches Drama anzumerken. Trotzdem existiert es. Sie ist 50, gebürtige Thüringerin, jetzt im Schwarzwald zu Hause und als Akutpatientin hier. Und zwar zum 45. Mal. Er ist 47, im Allgäu beheimatet, schwerer Asthmatiker und Allergiker. Seit 2007 kommt er alle drei Jahre zur Reha. „Das ist mein Rettungsanker hier.“ Auch Ute Eberlein hat Asthma, seit einer Vollnarkose im Jahr 1982, warum, weiß kein Mensch. Vorher war sie Krankenschwester und Sportlerin, ist jetzt berentet. Geld für private Aufenthalte in der Schweiz hat sie nicht. Unten im Flachland käme der Notarzt manchmal jeden Tag, sagt sie, hier habe sich ihre Lungenfunktion verdoppelt und der Entzündungswert halbiert. Sie ist glücklich, obwohl morgen Abreisetag ist. Wenn nur die Angst um die Klinik nicht wäre. Dass sie für sie kämpfe, sei reiner Eigennutz, sagt sie. „Davos ist mein letzter Strohhalm. Ohne diese Klinik überlebe ich nicht.“

Einen Aufschub, die Chance auf Rettung gibt es inzwischen. Ein eilig gegründetes Projektteam aus Klinikmitarbeitern wie dem ärztlichen Direktor Günter Menz hat eine bis Ende November laufende Frist erwirkt, um dem Konkursrichter ein Rettungskonzept vorzulegen. Menz ist seit Jahrzehnten im Haus und mit den zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Klinik vertraut. Aber dass die drei Gläubigerbanken der mit 40 Millionen Franken überschuldeten Klinikstiftung den Geldhahn tatsächlich zudrehen, hat ihn dann doch überrascht, wie er sagt. Die nicht subventionierte, von Tagessätzen lebende Klinik habe seit Jahren mit sinkenden Zuweisungen, besonders im Bereich Kinder- und Jugendrehabilitation zu kämpfen. Außerdem habe die seit drei Jahren andauernde Euro-Krise zu Einbußen von 30 Prozent geführt, weil die Kostenträger, wie der Hauptpartner Deutsche Rentenversicherung oder die Krankenkassen, die Tagessätze in Euro zahlen, die Klinik aber alle ihre Unkosten in Franken trägt. Ein bitteres Opfer, das die Währungsschwäche da fordert, sollte das wirklich Hauptgrund für die Schieflage sein.

Menz ist ein zugewandter Mann, der gut mit Patienten kann. Seinen anstehenden Ruhestand schiebt er nun erst mal auf. „Wir haben ja mit der neuen Pflegestation und einer Klinik für Psychosomatik auf die schwindende Belegung reagiert und strategische Neuausrichtungen unternommen“, beteuert der Doktor. Nur greife das bisher zu langsam.

Unterdessen sind ein neuer Stiftungsvorstand und externe Fachleute im Rettungsteam, die der gemeinnützigen Traditionsklinik zeigen sollen, wie modernes Krankenhaus- und Liegenschaftsmanagement geht. Das Grundstück am Eingang zu einer der beliebtesten Feriendestinationen der Schweiz sei eine Perle, schwärmt der neue Kliniksprecher, der in persona die fortschreitende Professionalisierung verkörpert. „Finanzkräftige Investoren zu finden, ist gar kein Problem.“ Aber besser nicht nur für die Grundstücksverwertung.

Das hofft auch ein alter Mann am anderen Ende des Tals, jenseits der dunklen Zügenschlucht. Dort in Wiesen lebt Christian Virchow im Angesicht dreier Dreitausender: Tinzenhorn, Piz Ela und Piz Michel. Er ist 87, Urneffe des großen Rudolf Virchow, war selbst mal tuberkulös und von 1964 bis 91 Chef in Wolfgang. Er war es, der die Klinik in eine florierende Asthma- und Allergieklinik umwandelte, als sie wegen Mangels an Tuberkulosepatienten in den Sechzigern wie so viele andere Davoser Sanatorien vor der Schließung stand.

Doch das ist nicht Virchows einziges Verdienst. Um das andere herauszurücken, braucht es etwas Überredungskunst von Ehefrau Elfriede. Die alten Geschichten langweilen ihn. Aber dann steigt er doch ins Arbeitszimmer hinunter und kommt mit einem großen Umschlag zurück. Darin sind Röntgenaufnahmen von Thomas Manns Gattin Katia Mann. 1967 hat Virchow, der nicht nur Lungenarzt, sondern auch „Zauberberg“-Experte und Mitgründer der Thomas-Mann-Literaturtage ist, die in Klosters urlaubende, greise Witwe in der Deutschen Hochgebirgsklinik geröngt. Des Hustens wegen. Ihr mit der Diagnose Tuberkulose begründeter Aufenthalt im Waldsanatorium 1912 war Thomas Manns Inspirationsquelle für sein von den Davosern weidlich verabscheutes Buch. 1970 habe er dann von der verehrten Dame ein Päckchen erhalten, erzählt Virchow und wickelt weitere, sorgfältig in Servietten eingeschlagene Röntgenminiaturen aus. Die Aufnahmen von 1912! Sie haben das Exil und sämtliche Umzüge der Manns überlebt. Natürlich machte Facharzt Virchow sich gleich ans Vergleichen. „Ich habe keinen pathologischen Befund festgestellt“, sagt er und lächelt fein über den schönen Coup, derjenige zu sein, der herausgefunden hat, dass der „Zauberberg“, der mystifizierte Roman einer ebensolchen Krankheit, auf einer Fehldiagnose beruht.

Ihren Ruhm hat die höchste Stadt der Alpen mit knapp 12 000 Einwohnern, die in der Skisaison durchaus mal auf 60 000 anschwellen, trotzdem diesem Buch eines Deutschen zu verdanken. Wenngleich auch andere deutsche Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Hermann Hesse oder Klabund hier gesundheitsbedingt beheimatet waren. Ja, den ganzen Kurort an sich haben ja nicht die Schweizer, sondern die Deutschen erfunden. Genauer gesagt einer: Alexander Spengler. Er musste als Märzrevolutionär, als 1848er, aus Deutschland fliehen, heuerte 1853 als Landschaftsarzt in Davos an und bemerkte als Erster, dass in diesem Bündner Hochtal niemand an Tuberkulose litt und Kranke wieder gesundeten.

Bei so viel segensreichem deutschen Wirken grenzt es an Ironie des Schicksals, sollten nun ausgerechnet die Deutschen vom Zauberberg heruntermüssen.

Klinikchef Menz glaubt fest ans Gelingen der Rettung. Landammann Caviezel ist ebenfalls Zweckoptimist. „Wir unterstützen die Arbeit der Projektgruppe finanziell“, sagt er und erläutert die Agenda 2025 der durch die vom World Economic Forum erwünschten Erweiterung des Kongresszentrums schuldengeplagten Landschaft. Nicht das Kranksein, sondern das Gesundbleiben sei darin unter dem Rubrum „Gesundheit und Leben“ ein fester Wirtschaftsfaktor. Da passe ein neues Klinikkonzept gut hinein. Die Deutsche Rentenversicherung in Berlin teilt mit, dass sie sich ihrer Verantwortung gegenüber der Deutschen Hochgebirgsklinik und ihren Patienten bewusst sei. „Die Verträge werden selbstverständlich eingehalten und der Einrichtung weiterhin Rehabilitanten zugewiesen.“ Sonst herrscht angespanntes Schweigen unter beschneiten Gipfeln. An diesem Wochenende beginnt die Wintersaison. Patienten und Ärzte äußern sich lieber nicht. Die Rechenfehler der Vergangenheit will keiner kommentieren, die Konzepte der Zukunft noch niemand erläutern. Jetzt besser Ruhe halten, bloß keinen Fehler machen. Es geht um viel zu viel. Der Zauberberg hält den Atem an. Am 27. November ist Stichtag.

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