Atom-Gau vor 25 Jahren : Die späte Wahrheit über Tschernobyl

Auf den Tag vor 25 Jahren ereignete sich die Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl. Die sowjetische Führung ließ die Welt damals weitgehend im Unklaren. Wie man in Russland heute damit umgeht.

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Zwei Berliner Ausstellungen erinnern an die Katastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren. In der Heinrich-Böll-Stiftung sind noch bis zum 20. April Fotografien des Kanadiers Robert Polidori zu sehen – hier ein Blick in den Kontrollraum des havarierten Block 4 des Kraftwerks "Lenin" ("Unit 4 control room. Chernobyl 2001")Weitere Bilder anzeigen
Foto: © Robert Polidori/Courtesy Camera Work, Berlin
26.04.2011 08:26Zwei Berliner Ausstellungen erinnern an die Katastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren. In der Heinrich-Böll-Stiftung sind noch bis...

Russlands Präsident Dmitri Medwedew wird an den heutigen Gedenkfeiern für die Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl teilnehmen. Am Vorabend bezeichnete er den Super-GAU als „größte technische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts, durch die Millionen Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren und Hunderttausende ihre Häuser verlassen mussten“. Bei einer Gedenkveranstaltung würdigte Medwedew den „Heldenmut“ und die „Selbstaufopferung“ der sogenannten Liquidatoren, die die Folgen des Reaktorunglücks eingedämmt hätten. Und der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill, will den Gedenkgottesdienst abhalten, obwohl nur ein Teil der ukrainischen Christen ihn als ihren geistlichen Oberhirten anerkennt. Er wird in Pripjat stattfinden, der Stadt, wo die Belegschaft des Kernkraftwerks und deren Familien einst wohnten: 50 000 Menschen, die innerhalb eines Tages evakuiert wurden. Heute ist Pripjat eine Geisterstadt, wo die geringste Abweichung vom Gedenkpfad zu schwersten gesundheitlichen Schäden führen kann. Seine Heiligkeit ließ sich die Reise dorthin dennoch nicht ausreden. Die Sowjetunion sei zwar fünf Jahre nach dem Unglück zerfallen, geblieben sei deren Nachfolgestaaten jedoch der gemeinsame Schmerz.

Auch russische Medien nutzen den Jahrestag daher zu einer teilweise sehr kritischen Rückschau. So zeigte der Staatssender RTR Bilder, die bisher im Giftschrank lagen: Menschen, die in Kiew vor den Apotheken nach Jod-Präparaten Schlange stehen und, als ihnen die Geduld reißt, die Fenster einschlagen und sich das Gesuchte selbst aus den Regalen holen. Zu sehen sind auch Plünderungen in Pripjat, die begannen, noch bevor die Evakuierung abgeschlossen war.

Auch Kronzeugen, die bisher eisern schwiegen, packten beim Staatsfernsehen jetzt aus. Solche wie Wladimir Asmolow. Er ist heute stellvertretender Generaldirektor bei Rosenergoatom, einem Staatskonzern, der Anlagen für Kernkraftwerke herstellt. Damals gehörte er zur Gruppe von Akademiemitglied Waleri Legassow, der an der Konstruktion des Unglücksreaktors maßgeblich beteiligt war und sich nur Stunden nach der Explosion ein eigenes Bild vom Ausmaß der Katastrophe machen wollte. Kollege Asmolow dagegen leitete die Dreharbeiten für einen Film, der auf einer geheimen Krisensitzung des Politbüros der KPdSU in Moskau gezeigt werden sollte. Die Wissenschaftler bekamen nach seinen Worten beim Flug über das Unglücksgebiet „gigantische Dosen“ an radioaktiver Strahlung ab. Denn der Hubschrauber hatte keinen Bleiboden, der die Strahlung abwehrt. Das habe die Gruppe jedoch erst später erfahren.

Zwei Wochen sollten die Forscher in Tschernobyl bleiben. Es wurden vier Monate daraus. Damals entstand in Grundzügen auch der Bericht der Experten für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) zu Ursachen, Hergang und Folgen der Katastrophe. Die Behörde würdigte ihn später als wahrheitsgetreu und mustergültig, als einen Erfahrungsbericht von unschätzbarem Wert, der der Atomindustrie weltweit als Lehrstück dienen werde.

Die für Sicherheitspolitik zuständige Abteilung des ZK der KPdSU dagegen, die die Rohfassung zur Prüfung bekam, war entsetzt und schickte das Papier mit einer handschriftlich an den Rand gekritzelten Notiz zurück: Partei und Justiz müssten die Verfasser schwer bestrafen, Außenministerium und KGB seien mit der Abfassung eines neuen Reports zu beauftragen. Eine Stunde später, so Asmolow, habe Nikolai Ryschkow, damals sowjetischer Regierungschef, angerufen und verfügt, den Bericht für die IAEO ungeschönt zu verfassen. Ryschkow war kurz nach dem Unglück selbst in Tschernobyl aufgetaucht und hatte sich in einer „Tschaika“-Staatskarosse durchs Katastrophengebiet fahren lassen. Später bekam der Drehstab des sowjetischen Staatsfernsehens den Wagen als Dienstfahrzeug. Lokale Apparatschiks, sonst scharf auf Statussymbole, hatten auf das verstrahlte Auto verzichtet.

An dem erst jetzt auch für die russische Öffentlichkeit freigegebenen Bericht an die IAEO, so Asmolow, habe seine Gruppe mehr als zwei Jahre gearbeitet. Es sei Schwerstarbeit gewesen, auch psychisch und moralisch. Legassow, der Koordinator, habe das nicht verkraftet und Selbstmord begangen.

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