Atombomben : "Die Versuchung steigt mit präziseren Waffen"

Die USA und Russland wollen die Zahl von Atomwaffen reduzieren, sie gleichzeitig aber modernisieren. Der Abrüstungsexperte Otfried Nassauer fürchtet die Hemmschwelle zum Einsatz könnte damit sinken.

Die Verteilung der atomaren Sprengköpfe inklusive der Reserven in der Welt. Um die ganze Grafik zu sehen, klicken Sie auf die Lupe rechts unten.
Die Verteilung der atomaren Sprengköpfe inklusive der Reserven in der Welt. Um die ganze Grafik zu sehen, klicken Sie auf die Lupe...Foto: Tsp/ Bartel

Der amerikanische Präsident Barack Obama hat die Vision einer „Welt ohne Atomwaffen“ und will in Kooperation mit Russland eigentlich abrüsten. Gleichzeitig wollen die USA ihre atomaren Bomben modernisieren. Was ist geplant?
Die USA planen, alle sieben Atomwaffentypen zu modernisieren, die sie noch nutzen. Jeden für viele Milliarden Dollar. Das dauert Jahrzehnte und soll dazu beitragen, dass die USA auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts noch moderne Atomwaffen besitzen. Den Anfang sollen jetzt mehrere hundert Atombomben vom Typ B61 machen. Sie haben eine Sprengkraft, die man je nach Bedarf einstellen kann.

Was ist das Ziel?
Am Ende soll eine Waffe herauskommen, die zugleich sicherer und zielgenauer ist und deswegen mit einer relativ kleinen Sprengkraft auskommt. Aber was heißt schon klein? Bis zu 50 Kilotonnen, das ist immer noch viermal Hiroshima.

Nimmt damit die Wahrscheinlichkeit zu, dass sie eingesetzt werden?
Auf jeden Fall könnte die Versuchung steigen, solch zielgenaue Waffen leichtfertiger einzusetzen, weil man weniger Nebenschäden befürchten muss.

Betrifft die Modernisierung auch die in Deutschland gelagerten Systeme?

Bei uns lagern zwei verschiedene Typen der B61 in Büchel in der Eifel, daher geht uns die Modernisierung sehr wohl etwas an. Im Bundestag halten alle Parteien diese Bomben seit 2010 für überflüssig und wollen, dass sie abgezogen werden. Die Bundesregierung hat sich allerdings noch nicht durchringen können, das auch in der Nato energisch genug zu vertreten.

Zwischenzeitlich hatte die Politik in den USA den Bau von Mini-Nukes aber doch gestoppt.

In den USA gab es ein Gesetz, dass zeitweilig Entwicklungsarbeiten an Atomwaffen mit weniger als fünf Kilotonnen Sprengkraft untersagte, das sogenannte Spratt-Furse Amendment. Dieses Gesetz wurde in den neunziger Jahren gemacht, weil der Kongress verhindern wollte, dass die USA das Signal aussenden: Der Kalte Krieg ist zu Ende, jetzt baut Washington Atomwaffen, die man quasi bedenkenlos und jederzeit einsetzen kann, ohne sich über die Folgen Gedanken zu machen. Das Gesetz wurde unter George W. Bush wieder aufgehoben und deswegen behindert es die Modernisierung der B61-Bomben nicht. Deren Sprengkraft kann man auch auf 0,3 oder 1,5 Kilotonnen einstellen – dann wären es quasi Mini-Nukes.

Haben andere Staaten „kleine“ Atomwaffen?

Kleine Atomwaffen zu bauen ist technisch eine große Herausforderung. Russland könnte dazu in der Lage sein. Ob es das getan hat, wissen wir nicht.

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