Attentäter von Würzburg und Ansbach : Terroranleitung per Telefon aus Saudi-Arabien

Hintermänner sollen die Attentäter von Würzburg und Ansbach instruiert haben. Bei den Ermittlungen will Saudi-Arabien den Deutschen nun helfen.

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Eine zerstörte Glasscheibe in der Altstadt von Ansbach.
Eine zerstörte Glasscheibe in der Altstadt von Ansbach.Foto: dpa

Die Ratschläge kamen offenbar aus der Ferne. Von Saudi-Arabien aus sollen die Täter, die Ende Juli die Anschläge in Würzburg und Ansbach verübt haben, motiviert und regelrecht instruiert worden sein. Das berichtet der „Spiegel“. In mehreren Telefonnachrichten sollen sich die jungen Männer demnach mit mutmaßlichen Mitgliedern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Saudi-Arabien verständigt haben. Das Land wolle die deutschen Ermittler nun bei der Suche nach den Hintermännern unterstützen, sagte ein ranghoher Regierungsmitarbeiter in Riad dem „Spiegel“. „Gemeinsam werden wir alles tun, um die Hintergründe der Anschläge aufzuklären.“

Es gebe dazu bereits Kontakt mit deutschen Stellen. Bisher war lediglich bekannt, dass beide Angreifer bis kurz vor ihren Taten womöglich Anweisungen aus dem Nahen Osten erhalten hatten. „Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bereits drei Tage nach der Explosion in Ansbach. Jetzt werden immer konkretere Details bekannt, da die Behörden die Chatverläufe rekonstruieren konnten.

Anweisungen kamen per Chat

So soll eine unbekannte Person mit saudi-arabischer Telefonnummer dem Attentäter von Würzburg in einem Chat vorgeschlagen haben, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren – nach dem Vorbild des Anschlags in Nizza. Dies habe der 17-Jährige mit der Begründung abgelehnt, keinen Führerschein zu besitzen. Stattdessen kündigte der wohl aus Afghanistan stammende Mann offenbar an, er werde in einen Zug steigen und die erstbesten Fahrgäste angreifen. Genauso vollzog er seine Tat am 18. Juli dann auch. Nachdem er in einer Regionalbahn bei Würzburg fünf Menschen mit einer Axt schwer verletzt hatte, wurde er von der Polizei erschossen.

Bei dem aus Syrien stammenden Ansbacher Attentäter gehen die Ermittler dem Bericht zufolge davon aus, dass sein Tod am 24. Juli ein Unfall war. Er habe den Rucksack mit selbst hergestelltem Sprengstoff vermutlich in einer Menschenmenge eines Musikfestivals abstellen und aus der Ferne zünden sollen. Kurz vor dem Anschlag habe sein Chat-Kontakt ihn aufgefordert, die Detonation und das anschließende Inferno zu filmen und dem IS zu schicken. Doch der Sprengsatz sei wohl vorzeitig explodiert. Der Täter wurde getötet. Inzwischen sei er beigesetzt worden, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft. 15 Menschen verletzte er bei dem Anschlag. In den Chats mit den Hintermännern sei auch die Rede davon gewesen, dass der 27-Jährige danach weitere Anschläge verüben sollte. Dafür spricht, dass er sein Bekennervideo vermummt aufnahm und Ermittler in seiner Wohnung weiteres Material zum Bombenbau fanden.

Netzwerke des IS beraten Freiwillige

Wer die Hintermänner mit den arabischen Telefonnummern genau sind, ist noch unklar. Aus den Chats geht aber hervor, dass sie dem IS nahestehen. Für die Ermittler sind solche Anweisungen von IS-Kontaktmännern via Telefonchat durchaus bemerkenswert – und ein neueres Phänomen. Nach Informationen des NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ kommt das Bundeskriminalamt zu dem Schluss, dass dem IS gewogene Kräfte oder dschihadistische Netzwerke in der Lage seien, Freiwillige konkret zu beraten und anzuleiten. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wollte sich dazu mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Seit den Anschlägen von Würzburg und Ansbach ist die Angst vor weiteren Taten in Deutschland gewachsen. Gleichzeitig scheint sich aber auch die Aufmerksamkeit und Sensibilität erhöht zu haben. So lässt sich jedenfalls die wachsende Anzahl an Anrufen bei der Radikalisierungs-Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) deuten. In den ersten zehn Tagen nach dem Selbstmordattentat in Ansbach habe die Beratungsstelle so viele Anrufe registriert wie sonst innerhalb eines ganzen Monats, berichtete ein Bamf-Sprecher in Nürnberg. Üblicherweise nehmen die Hotline-Mitarbeiter 60 Anrufe monatlich entgegen. Deutlich zugenommen habe auch die Zahl der Fälle, bei denen die Mitarbeiter des Amts tatsächlich die Sicherheitsbehörden eingeschaltet haben. Die Berater helfen Angehörigen von Jugendlichen, die womöglich in die islamistische Szene abdriften. Die Radikalisierungs-Hotline berät Eltern, Freunde – aber auch Arbeitgeber.

Außerdem häufen sich in Deutschland die Fehlarme wegen Terrorverdachts. Die Polizei warnt deshalb jetzt vor absichtlichen Fehlalarmen oder Scherzanrufen. Neben strafrechtlichen Folgen müssen Trittbrettfahrer mit erheblichen finanziellen Konsequenzen rechnen. In München etwa müssen die Verursacher für jede Einsatzstunde beteiligter Beamter jeweils 54 Euro zahlen. Komme ein Hubschrauber zum Einsatz, würden 1700 Euro pro Stunde fällig. Auch andere Bundesländer haben für diese Fälle eine detaillierte Gebührenordnung. Doch es gilt auch die Regel: „Wer sich irrt und aus Sorge vor einer Straftat die Polizei ruft, braucht keine Angst vor den Kosten haben“, erklärte ein Polizeisprecher aus Baden-Württemberg. (mit dpa)

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