Politik : Auf Kosten der Pflege

Experten verlangen Hilfe für betreuende Angehörige

 Rainer Woratschka

Berlin - „Pflegedialog“ nennt Philipp Rösler seine Veranstaltungsreihe im Ministerium, an diesem Montag soll es um die Entlastung pflegender Angehöriger gehen. Doch schon vor dem Treffen mit knapp 30 Vertretern von Pflege-, Sozial- und Patientenverbänden sieht sich der Gesundheitsminister mit heftigen Äußerungen der Eingeladenen konfrontiert. Die Probleme des Pflegesystems seien „seit Jahrzehnten bekannt und schöngeredet worden“, schimpft der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek. Um dessen „endgültiges Kollabieren“ zu verhindern, brauche es wie in der Bankenkrise einen „nationalen Rettungsschirm“. Und, weil das keiner begreife, offenbar auch einen Aufstand von „Wutbürgern“.

Er könne nicht begreifen, dass man immer noch darüber diskutiere, ob und wie man Demenzkranke in der Pflegeversicherung berücksichtigen solle, sagte Fussek dem Tagesspiegel. „Dass manche Politiker nach wie vor über eine kostenneutrale Umsetzung nachdenken, ist eine Verhöhnung aller Pflegenden.“ Die Familien seien nicht mehr in der Lage, die Probleme zu bewältigen. „Ohne die massenhafte Unterstützung durch sogenannte illegale Haushaltskräfte aus Osteuropa würde für Pflegebedürftige zu Hause schon lange nichts mehr gehen.“

Konkret forderte der Experte finanzielle und strukturelle Entlastung für pflegende Angehörige. „Wir müssen darüber genauso diskutieren wie über Kinderkrippen und Ganztagsschulen“, sagte er. Ambulante Pflegedienste müssten bezahlbar gemacht werden – und zwar nicht nur für „20-Minuten-Auftritte“, sondern für mehrere Stunden am Tag. Für die Angehörigen müsse es erschwingliche Entlastungsangebote geben, auch nachts und an den Wochenenden. Außerdem müssten die Hausärzte für ambulante Pflegeprobleme speziell geschult werden und „eine Art Frühwarnsystem“ darstellen. Bei vielen Angehörigen führe die Belastung zum eigenen körperlichen Zusammenbruch, „die pflegen, bis es nicht mehr geht“.

Der Statistik zufolge werden in Deutschland etwa zwei Drittel der rund 2,37 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause betreut. Die Familien seien „nach wie vor der größte und preisgünstige Pflegedienst der Nation“, sagt Fussek. Nach Berechnungen des Sozialverbands VdK wären professionellen Pflegern dafür im Jahr 75 Milliarden Euro zu bezahlen. Doch auch Privatpflege hat ihren Preis, die Mehrfachbelastung durch Pflege, Beruf und Familie auf Kosten der Gesundheit: Nach einer aktuellen Analyse der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) sind die Angehörigen Pflegebedürftiger deutlich öfter krank. Jeder sechste Pflegende leide unter Depressionen, dreieinhalb Mal mehr als im Schnitt der Bevölkerung.

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher kritisierte, dass ein großer Teil der Pflegenden bislang überhaupt keine Hilfe erhält – die Angehörigen von körperlich robusten Demenzkranken, die bislang in keiner der drei Pflegestufen eingruppiert werden. Mascher verlangte nicht nur, die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige zu erhöhen. Aus ihrer Sicht sollten diese auch ein Ersatzeinkommen nach dem Modell des Elterngelds bekommen.

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