Auftritt bei Anne Will : Merkels Hochamt ist unzeitgemäß

Die Kanzlerin kommt, redet und schwebt von dannen: Auftritte wie der von Angela Merkel bei Anne Will passen nicht mehr in die Zeit. Ein Kommentar.

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Anne Will und Angela Merkel (rechts).
Anne Will und Angela Merkel (rechts).Foto: dpa

Mit Sabine Christiansen ging es los. Sie etablierte die traditionelle Polit-Talkshow am Sonntagabend. Nach dem Hochamt des deutschen Krimis, dem Tatort, folgte das Hochamt des politischen Betriebs, die Talkshow. Es passte in die Zeit. Und auch Christiansen gewährte dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eine gewisse Exklusivität, als er zum Beispiel im Juli 2005 allein zu Gast war – allerdings musste er sich Bürgerfragen und Expertenmeinungen stellen. Angela Merkel hat diese Exklusivität auf die Spitze getrieben. Bei Anne Will war sie schon vier Mal allein. Auch Günther Jauch hatte die Kanzlerin solo im Studio.

Am Sonntag dann der fünfte Exklusivauftritt bei Anne Will. Aufgezeichnet im wohligen öffentlich-rechtlichen Studio. Die Fragen von Anne Will waren nicht unkritisch oder anbiedernd, aber das Format ist es. Warum muss das öffentlich-rechtliche Fernsehen einer deutschen Kanzlerin permanent diese Exklusivität zukommen lassen? Sie muss sich keiner Diskussion stellen, keinem politischen Gegner, keinem Bürger – nur den Fragen der Moderatorin.

Der Solo-Auftritt hatte etwas von Audienz

Warum macht die ARD, warum macht Anne Will das mit? Medien stehen derzeit besonders unter kritischer Beobachtung. Ihnen wird vorgeworfen, zu nah an der Macht zu sein, zu sehr selbst Teil des politischen Establishments zu sein: Und die ARD gibt diesen Anschuldigungen weitere Argumente an die Hand. Der Solo-Auftritt vor der Diskutantenrunde hat etwas von Audienz. Die Kanzlerin kommt, redet und schwebt von dannen, ehe sich die niederen politischen Protagonisten und Journalisten mit ihr auseinandersetzen dürfen. So wird man den Vorwurf, Staatsfernsehen zu betreiben, jedenfalls nicht los. Ein Interview in den „Tagesthemen“ mit ihr wäre das richtige Format gewesen – oder sie hätte sich den Fragen aus dem Publikum, aus sozialen Netzwerken stellen müssen. Aber nichts von dem.

Und Merkel? Sie selbst hat von verändertem Medienverhalten gesprochen. Sie hat das Wort Digitalisierung so oft in den Mund genommen an diesem Sonntag wie selten zuvor. Und ja, Medien werden heute anders genutzt, anders wahrgenommen als zu Christiansens Zeiten. Die Herausforderungen für klassische Medien, egal ob Fernsehen oder Zeitungen, sind immens. Politik wird immer stärker über soziale Netzwerke konsumiert und diskutiert.

Der Subtext ist gefährlich

In den Tagen nach der Wahl in den USA wurde gerade über dieses Phänomen und die mögliche Herausbildung einer Gegenöffentlichkeit viel debattiert. Merkel hatte möglicherweise genau das im Blick bei ihren zahlreichen Anspielungen auf die Digitalisierung und was sie für die Gesellschaft bedeutet. Doch statt daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wählte sie den klassischen und gelernten Kommunikationsweg. Klar, sie hat auf einen Schlag 4,8 Millionen Zuschauer an diesem Abend. Aber hat sie die wirklich gebraucht?

Die Frage der Abwägung zwischen Quote und Verantwortung liegt zuerst bei den Medien, in dem Fall der ARD. Hier sollte man sich fragen, ob das Format Kanzlerin trifft Will wirklich fortbestehen sollte. Der Subtext ist gefährlicher als der politische Erkenntnisgewinn dieser Sendung.

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Merkel tritt noch einmal für volle vier Jahre an
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