Barmer-Pflegereport : Pflege für Frauen doppelt so teuer wie für Männer

Pflege kann das Ersparte auffressen - besonders bei Frauen. Die Pflegeversicherung übernimmt aber weniger als die Hälfte der Kosten. Auch der „Pflege-Bahr“ helfe nicht, sagen Experten. Der Gesundheitsminister sieht das ganz anders.

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Frauen zahlen für Pflege deutlich mehr als Männer.
Frauen zahlen für Pflege deutlich mehr als Männer.Foto: dpa

Die pflegerische Versorgung von Frauen ist deutlich teurer als die von Männern. Im Durchschnitt fallen für Frauen Kosten von rund 84 000 Euro an, für Männer 42 000 Euro. Das geht aus dem am Dienstag vorgestellten Pflegereport der Barmer GEK Krankenkasse hervor. Bei den privat zu tragenden Eigen-Anteilen der Pflegeversicherung werden Frauen auch stärker zur Kasse gebeten. Sie müssen durchschnittlich etwa 45 000 Euro beisteuern, Männer circa 21 000 Euro. Da Frauen länger und oft allein leben, sind sie stärker auf Heimpflege angewiesen. Die Zahlen belegten, „dass die Pflegeversicherung immer eine Teilkaskoversicherung war, ist und bleiben wird“, sagte der Barmer- Vize-Vorstandsvorsitzende Rolf-Ulrich Schlenker.

Wie hoch die Pflegekosten tatsächlich sind, ist aber offenbar nicht jedem Bundesbürger klar. Laut einer repräsentativen Umfrage der Barmer GEK Krankenkasse können 24 Prozent der Befragten dazu keine Angaben machen. Ein Drittel der unter 40-Jährigen hat sich mit der Absicherung bei Pflegebedürftigkeit noch nicht beschäftigt.

Laut dem am Dienstag in Berlin vorgestellten Pflegereport der Barmer zahlt jeder Bürger im Verlauf seines Lebens 31 100 Euro für die stationäre Betreuung plus 6000 Euro für die ambulante Versorgung. Im Extremfall erreichen die privaten Anteile bei stationärer Pflege bis zu 305 000 Euro. Die Pflegeversicherung übernimmt im Schnitt Leistungen in Höhe von 33 000 Euro. Für die Berechnung der Kosten hatte das Team, das den Report verfasst hat, die Kosten für rund 2000 Versicherte ab 60 Jahren analysiert, die im Jahr 2000 erstmals pflegebedürftig geworden waren. Dazu wurden die Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung zwischen 2000 und 2011 summiert und die Kosten bis 2024 geschätzt.

Eines macht die Studie klar: Die privaten Pflegekosten steigen kontinuierlich. Mussten leicht Pflegebedürftige vor elf Jahren noch monatlich 163 Euro selbst finanzieren, waren es 2011 schon 361 Euro, also mehr als doppelt so viel. Und es wird noch mehr: In der Pflegestufe 1 wird bis 2015 ein Anstieg auf 407 Euro prognostiziert. Besonders in der Pflegestufe 1 sind die Zahlen in den vergangenen Jahren gestiegen. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Menschen „gesünder alt“ werden und an ihrem Lebensende „nur noch“ die Schwelle zur Pflegestufe 1 nähmen, sagt Kai Behrens, stellvertretender Sprecher der Barmer. Höherstufungen seien dadurch seltener.

Angesichts der Kosten seien die von der Koalition geplanten Pflegezusatzversicherungen („Pflege-Bahr“) ein Tropfen auf dem heißen Stein, kritisiert Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer. Nur eine kleine Minderheit könne diese Versicherung abschließen. Die Barmer zweifelt auch daran, dass ein Versicherungsmarkt für geförderte private Pflegezusatzversicherungen zustande kommt.

Diese Kritik weist ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums als „unpräzise und falsch“ zurück. Gerade für kleinere Einkommen könne die private Pflege-Vorsorgeförderung attraktiv sein. Das Kabinett will am heutigen Mittwoch Rahmenbedingungen für die Zusatzpflegeversicherungen beschließen. Der Mindestsumme beträgt demnach jährlich 120 Euro. Versicherte der gesetzlichen Pflegeversicherung erhalten bei Abschluss einer privaten Zusatzversicherung künftig eine Zulage in Höhe von 60 Euro jährlich. Die Leistung ist ein Pflegemonatsgeld in Abhängigkeit von der Pflegestufe, der Umfang der Versicherung kann individuell bestimmt werden. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagt, die Fünf-Euro-Förderung des Pflege-Bahr pro Monat sei „ reine Kosmetik“. Sie forderte eine Bürgerversicherung in der Pflege.

2009 gab es in Deutschland 2,39 Millionen Pflegebedürftige, in Berlin waren es 101 000 Menschen.

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