Politik : Beckenbauer: Beim Fußball halten zu viele die Hand auf

Kritik an zunehmendem Kommerz und der Fifa. WM-Chef im Interview

Esther Kogelboom,Robert Ide

Berlin - Franz Beckenbauer hat eine Generalreform des Fußballs gefordert. „Der Fußball braucht eine generelle Reinigung. Man sollte über die Grenze des Geldverdienens reden“, sagte der Präsident des WM-Organisationskomitees in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Nach der Weltmeisterschaft müsse das Thema angegangen werden, forderte Beckenbauer. „Wenn man die Spielervermittler sieht, die die Spieler hin und her schieben, wenn man merkt, dass jeder die Hand aufhält, dann macht mich das traurig“, sagte Beckenbauer, der 1974 als Spieler und 1990 als Trainer den WM-Titel für Deutschland gewann. Die aktuelle Entwicklung des Fußballgeschäfts sei gefährlich, wie man schmerzlich am Manipulationsskandal in Italien erfahre. „Einige Manager und Trainer verdienen an Transfers, sogar Präsidenten und Politiker, alle sind verwickelt“, sagte Beckenbauer.

Acht Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica in München warnte Beckenbauer vor leeren Plätzen in ausverkauften Stadien: „Bei einigen ausländischen Verbänden besteht die Gefahr, dass sie ihr Kontingent nicht zurückgeben, wenn sie Karten nicht benötigen.“ Angesichts dieser Unwägbarkeiten sei es möglich, „dass sich Lücken auftun“. Er kritisierte besonders den schleppenden VIP-Kartenverkauf durch die Schweizer Agentur ISE: „Offenbar hat man den deutschen Markt überschätzt und die Preise für VIP-Tickets zu hoch angesetzt.“ Zuletzt hatte der Fußball-Weltverband Fifa mehr als 42 000 Karten an die deutschen Organisatoren zurückgegeben, darunter viele von ISE. Die Karten flossen in den Fanverkauf im Internet.

Beschwerden der Fifa über den Ticketverkauf des deutschen Organisationskomitees wies Beckenbauer zurück. „Wir haben uns mit der Fifa zusammen zu diesem System entschlossen, deswegen ist jede Kritik aus Zürich völlig unberechtigt.“ Die Fifa hatte den Kartenverkauf als zu kompliziert kritisiert und angekündigt, bei der WM 2010 in Südafrika weniger persönliche Daten der Kunden zu erheben.

Beckenbauer forderte vom Weltverband eine bessere Kommunikation. In einzelnen Projekten gehe es seitens der Fifa harsch zu. „Sepp Blatter ist ein Mann der Kommunikation und ein sehr charmanter Gastgeber. Aber die Leute, die für ihn arbeiten, haben manchmal einen unguten Ton drauf: Wir sind die Fifa, wir bestimmen!“ Beckenbauer eröffnet am heutigen Donnerstag den WM- Globus vor dem Brandenburger Tor. Fifa-Präsident Joseph Blatter wird in München zur Vorbereitung des Fifa-Kongresses erwartet.

Gestern wandte sich Beckenbauer in Berlin gemeinsam mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gegen Rassismus. „Deutschland ist ein ausländerfreundliches Land“, sagte Schäuble bei der Vorstellung eines Regierungsberichts zu den WM-Vorbereitungen. Ab dem Viertelfinale sollen vor jedem Spiel in den Stadien Spruchbänder gegen Rassismus gezeigt werden. Schäuble kündigte ein hartes Vorgehen gegen Störer und Hooligans an. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, aber das Menschenmögliche ist getan worden“, sagte Schäuble.

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