• Bei Waldheim reagierte Österreich trotzig, bei Haider kann ausländische Kritik helfen (Kommentar)

Politik : Bei Waldheim reagierte Österreich trotzig, bei Haider kann ausländische Kritik helfen (Kommentar)

Markus Huber

Die Reaktionen also: Jörg Haiders Eintritt in die Regierung wäre ein "äußerst beunruhigendes Signal für jeden Juden auf der Welt", sagte Israels Ministerpräsident Ehud Barak am Mittwoch. "Eine Regierung, an der Haider und andere Rassisten beteiligt sind, muss mit einem Bann der zivilisierten Völker rechnen", fordert Shimon Peres, Ex-Premier und Friedensnobelpreisträger. Sein Regierungskollege Yossi Beilin hatte zuvor erklärt: "Wenn Haider drinnen ist, sind wir draußen." Soll heißen: Sitzt der Führer der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei in der nächsten Regierung, bricht Israel die diplomatischen Beziehungen zu Wien ab.

So schmerzhaft es ist - solche Reaktionen kennen die Österreicher bereits. Seit Jahren schon. Jörg Haider gewinnt eine Wahl, das Ausland schüttelt fassungslos den Kopf. Immer wieder. Geändert hat es freilich nie etwas. Haider feierte einen Erfolg nach dem anderen. In wenigen Wochen werden - internationale Reaktionen hin oder her - eine Reihe von Haider-Vasallen erstmals zu nationalen Ministerwürden kommen. Sind die Kommentare also entbehrlich? Haben womöglich sie Haider überhaupt erst stark gemacht? Ein zweiter Fall Waldheim gar?

1986 stellte sich der ÖVP-Politiker Kurt Waldheim zur Wahl des Bundespräsidenten. Im Wahlkampf wurde seine NS-Vergangenheit zum Thema. Das Ausland reagierte - und die Österreicher fühlten sich provoziert. Waldheims Partei, die ÖVP, klebte damals im ganzen Land "Jetzt erst recht"-Plakate und traf damit den Nerv der Wähler. "Gewisse Kreise der Ostküste" hätten im Land nichts mitzureden, hieß es damals. Man wusste, dass damit das jüdisch-amerikanische Establishment gemeint war. Wir wählen, wen wir wollen - fast 2,5 Millionen Österreicher wollten damals Waldheim als Präsidenten - zum größten Teil aus Trotz.

Doch daraus die Lehre zu ziehen, dass negative Auslandsreaktionen die Sache nur schlimmer machen, wäre falsch. "Jetzt erst recht" ist diesmal nicht. Keine der handlungstragenden Parteien hat ein Interesse daran - auch nicht Jörg Haider. Denn nun gefällt er sich als Staatsmann. Er will sich profilieren, will international akzeptiert werden. Brandreden gegen "die Ostküste" kann er sich da nicht leisten.

Auch seine Partner in spe, Wolfgang Schüssel und die ÖVP, haben kein großes Interesse, die Österreicher aufzustacheln. Schüssel, Außenminister und derzeit Vorsitzender der OSZE, ist ein glühender Europäer, der gerne auf dem internationalen Parkett glänzt. Was es heißt, in der EU als Paria aufzutreten, hat er am eigenen Leib erfahren: 1997 hatte er den damaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer, im halboffiziösen Rahmen als "richtige Sau" bezeichnet - und anschließend ein halbes Jahr lang Entschuldigungsreisen absolvieren müssen. Ihm steht der Sinn nicht nach Wiederholung.

Bleiben die Boulevardmedien, die 1986 die Österreicher aufgestachelt haben. Die "Kronen-Zeitung", gemessen an der Einwohnerzahl die meistgelesene Zeitung der Welt und ein Machtfaktor im Land, zeichnete sich damals mit besonders derber Kritik an den Kritikern aus. Heute ist die "Krone" aber in anderer Mission unterwegs: Sie versucht krampfhaft, die blau-schwarze Koalition unter Schüssel zu verhindern.

Deswegen können ausländische Proteste diesmal sogar etwas bewirken: Die Koalitionäre wissen, dass sie unter besonderer Beobachtung stehen. Ihre Regierung wird zumindest in den ersten Monaten behutsam ans Werk gehen. Keine allzu ruppigen Verschärfungen der Ausländerpolitik, keine lauten Töne gegen eine EU-Erweiterung, keine Grauslichkeiten im politischen Alltag. Im Übrigen haben die Statements von Barak & Co. eine erzieherische Wirkung: Österreichs Politiker haben es längst aufgegeben, Jörg Haiders braune Rülpser ständig anzuprangern, sei es aus Vergesslichkeit oder aus Abstumpfung. Ein bisschen Erinnern tut da gut.

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