Berichterstattung über G20 : Hauptsache: Sündenbock USA

Viele deutsche Medien zeigen eine eigenwillige Sicht auf Donald Trumps Rolle beim G20-Gipfel. Eine Nachbetrachtung.

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Schwänzten gemeinsam die Klimagespräche bei G 20: Wladimir Putin und Donald Trump.
Schwänzten gemeinsam die Klimagespräche bei G 20: Wladimir Putin und Donald Trump.Foto: Saul Loeb / AFP

Das also ist die neue Weltordnung, wenn man dem Mainstream der G20-Berichte in den deutschen Medien glauben darf: Die USA sind der internationale Bösewicht in der Klimapolitik und im Welthandel, aber sie sind Gott sei Dank isoliert.

Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft stützen sich laut diesem Mainstream auf China und Russland. Denn Wladimir Putin und Xi Jinping haben sich ohne Einschränkungen zum Freihandel und zur Erfüllung des Pariser Klimaschutzabkommens bekannt - Donald Trump hingegen verwässerte als "Enfant terrible" das Abschlussdokument.

"19 gegen 1"? Trump stand nicht allein

Die zentrale Frontbeschreibung über das Wochenende lautete "19 gegen 1". Auch beim Tagesspiegel hieß es "Einer gegen alle". Und, Gipfel der Unverschämtheit, den kaum ein deutsches Medium hervorzuheben versäumte: Der US-Präsident schwänzte die G20-Beratung zur Klimapolitik; er traf sich in dieser Zeit lieber mit Wladimir Putin. Dann wagte Trump es auch noch, den Hinweis auf "legitime Verteidigungsinstrumente im Handel" in das Dokument schreiben zu lassen.

Dieser Grundton in der Beschreibung des Gipfels ist aus mehreren Gründen problematisch. Er beißt sich mit den Abläufen in Hamburg. Und er nimmt Bekenntnisse auf dem Papier wichtiger als die Wirklichkeit. Trump war ja gar nicht allein. Schon die Logik sagt einem, dass auch Putin die Beratung zur Klimapolitik geschwänzt haben muss, wenn sich die beiden sich in dieser Zeit trafen. Warum ist Trumps Schwänzen hervorhebenswert, Putins nicht?

Wladimir Putin als Vorkämpfer für Freihandel

Trump war auch nicht der Einzige, der sich in Hamburg offen gegen das Pariser Abkommen stellte. Das tat auch Recep Erdogan. Das hinderte den deutschen Mainstream aber nicht, weiter an der These "19 gegen 1" festzuhalten.

Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen Gipfelschwüren und der Wirklichkeit. Ja doch, Xi und Putin bekennen sich zum Freihandel. In einem Gastbeitrag im "Handelsblatt", das sich allmählich zum Zentralorgan des neuen deutschen Antiamerikanismus entwickelt, stilisierte sich Putin zum Vorkämpfer gegen Protektionismus.

In Wahrheit sind China und Russland noch immer weitgehend geschützte Märkte. Und selbst unter Trump sind die USA ihnen im Freihandel um Dimensionen voraus. Was legitime Verteidigungsinstrumente sind, regelt die Welthandelsorganisations WTO. Was ist verwerflich daran, sich darauf zu berufen?

Chinas Strom kommt aus Kohlekraftwerken

Ähnlich in der realen Klimapolitik. Xi mag sich auf dem Papier zur Einschränkung der Emissionen bekennen und sich bemühen, die Energiepolitik umzusteuern. Doch trotz allen Ausbaus der Erneuerbaren wurden über 60 Prozent des chinesischen Stroms 2016 in Kohlekraftwerken produziert. In den USA liegt der Kohleanteil bei 30 Prozent. Russland gehört zu den Schlusslichtern in den G20 beim Anteil erneuerbarer Energien; ihr Anteil liegt im niedrigen einstelligen Bereich. In den USA tragen Erneuerbare 17 Prozent zur Stromversorgung bei.

Es gehört zu den gängigen Vorwürfen an Donald Trump, dass er sich die Wirklichkeit zurechtbiege, bis sie zu seiner Weltsicht passe: "Fake News" eben. Nach dem G20-Wochenende darf man fragen, ob ein Gutteil der deutschen Medien in dieser Disziplin mit ihm wetteifern möchte.

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