Beschneidung : Neue Fakten, alte Irrtümer

Ein Fachgespräch der Grünen-Fraktion im Bundestag fördert weiteres Wissenswertes und Erfahrungen zur Beschneidung zutage - aber kein Rezept für die perfekte Lösung per Gesetz

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Verletzt die Beschneidung Kinderrechte? Darüber streiten sich die Experten.
Verletzt die Beschneidung Kinderrechte? Darüber streiten sich die Experten.Foto: dpa

BerlinAuch nach knapp einem halben Jahr oft lautstarker Dauerdebatte ist zur religiösen Beschneidung längst nicht alles gesagt – schon gar nicht alles Interessante. Diesen Eindruck konnte bekommen, wer sich durch den Termin am Freitag nicht abschrecken ließ und einem längeren „Fachgespräch“ lauschte, mit dem sich die Grünen-Bundestagsfraktion bei geladenen Juristen, Historikern, Medizinern und einer Psychotherapeutin schlauer fragte. Befürworter wie Gegnerinnen des Eingriffs kamen zu Wort – und erlagen dabei zum Glück nicht der Versuchung, Ambivalentes zurechtzuglätten und „durch“zuargumentieren. 

Dabei lieferten zunächst die beiden Historiker Überraschendes. Michael Brenner, der an der Universität München jüdische Geschichte und Kultur lehrt, erklärte, dass auch unbeschnittene jüdische Männer aus jüdischer Sicht Juden seien. Er selbst schätze, „dass die Mehrheit der Juden in Deutschland nicht beschnitten ist“ – viele kämen aus der ehemaligen Sowjetunion, wo die Circumcision nur insgeheim und unter Schwierigkeiten möglich gewesen sei. Entsprechend sei es auch heikel, mit der unwiderstehlichen Macht der Tradition für die Beschneidung zu argumentieren: „Der soziale Druck ist bei uns in Deutschland nicht so hoch.“ 

Auch der Mainzer Medizinhistoriker Ilhan Ilkilic wandte sich gegen die Auffassung, dass ein Muslim beschnitten sein müsse. Was die Bedeutung des Eingriffs angeht, ließen allerdings beide keinen Zweifel: „Muslime sehen ihn als wesentlich an“, sagte Ilkilic. Und Brenner verwies aufs 19. Jahrhundert, als die deutschen Juden, unter dem Einfluss der und in Anlehnung an die mehrheitlich christliche Umgebung, den Ritus selbst in Frage stellten. Doch schließlich habe sich die Auffassung durchgesetzt, dass dieser Bruch mit der Tradition nicht ein kleiner Eingriff wäre, sondern „Selbstmord“ gleichkäme.

Heftige Meinungsunterschiede wurden in der Frage deutlich, wie dramatisch der Eingriff sei und ob er Kinderrechte verletze. Der Freiburger Staatsrechts-Professor Matthias Jestaedt und der Münsteraner Rechtssoziologe Bijan Fateh-Moghadam bestritten, dass da überhaupt Grundrechte kollidierten: das Recht des Kindes auf Unversehrtheit und das – religiöse – Erziehungsrecht der Eltern. Die Eltern selbst, so Jestaedt, nähmen ja das Recht ihrer kleinen Kinder wahr – wenn auch immer weniger, je älter die würden. Und Fateh-Moghadam ergänzte: „Wer gemäß jüdischer und muslimischer Regeln beschneiden lässt, handelt bereits im Rahmen des Elternrechts, nicht aufgrund eines religiösen Sonderrechts.“ Das Kölner Urteil vom Mai , das die Debatte um die Rechtmäßigkeit religiöser Beschneidungen angestoßen hatte, verkenne das Urteil, „ein Fehlurteil“ nannte es Fateh-Moghadam. Eltern und Kinder stünden sich eben nicht feindlich gegenüber: „Auf ihren Körper bezogen und religiös sind Kinder zur Grundrechtsausübung auf ihre Eltern angewiesen.“ Den Einwand aus der Politikerrunde, schon die vielen Fälle von Kindesmisshandlung zeigten, dass die Gewaltverhältnisse in der Familie nicht idyllisch seien, ließen beide Juristen ebenso wenig gelten wie den Protest ihres Hamburger Kollegen Reinhard Merkel, Mitglied im Ethikrat, das elterliche Sorgerecht sei „ein treuhänderisches Mandat“. Der Staat, so die Gegenseite, definiere das Kindeswohl bloß negativ, er habe keine "allein seligmachende Definition" davon und greife daher wohlweislich nur in klaren Fällen ein. Juristisch bleibe folglich nur zu entscheiden: „Ist die Beschneidung ein Missbrauch elterlichen Rechts?“ Nein, sagte Fateh-Moghadam, das sei „geradezu ausgeschlossen“, angesichts der Fülle medizinischer Studien zum Thema.

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