Beschneidungs-Urteil : In Berlin herrscht religiöses Unwissen

Ihr Leitartikel zum Verhältnis von Staat und Kirche löste heftige Debatten in der Community auf tagesspiegel.de aus. Nun antwortet Tagesspiegel-Redakteurin Andrea Dernbach ihren Kritikern.

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Der Streit um das Kölner Beschneidungs-Urteil: Kaum ein Thema wird derzeit so hitzig debattiert.
Der Streit um das Kölner Beschneidungs-Urteil: Kaum ein Thema wird derzeit so hitzig debattiert.Foto: dpa

Dass Tagesspiegel-Artikel zum Thema Muslime, Islam, Religion im Allgemeinen hohe Quoten erzielen – von Zuspruch lässt sich überwiegend nicht sprechen – sind unsere Online-Kollegen gewöhnt, ebenso wie ich, die ich darüber schreibe. Auch an Gegenwind. Die Reaktionen auf meinen Leitartikel zum Thema Beschneidung in der vergangenen Woche allerdings haben erfahrungsgestützte Prognosen bei Weitem übertroffen – nach Zahl wie nach Inhalt: inzwischen fast 300 Postings, zu einem noch viel größeren Teil ablehnend als gewöhnlich.

Dabei fällt auf, dass, mal mit mehr, mal mit weniger Verve ein Vorwurf erhoben wird, zu dem der Text gar keinen Anker bietet: dass Beschneidung als religiöser Ritus von Muslimen und Juden vor die Alternative stellt, sich zwischen zwei Grundrechten zu entscheiden. Dem Text wird zum Vorwurf gemacht, sich auf Kosten der körperlichen Unversehrtheit auf die Seite der Religionsfreiheit zu schlagen. Nein! Da Jungen in vielen Gesellschaften – einige Leser verweisen dankenswerterweise auf die USA – flächendeckend und keineswegs überall aus religiösen Gründen beschnitten werden, muss die Frage erlaubt sein, ob sie überhaupt so kurzerhand mit dem Verdikt „Körperverletzung“ belegt werden kann. Millionen Eltern, Ärztinnen, Geistliche in aller Welt: alles Sadisten? Auch wer, wie ich, die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Kinder überaus skeptisch sieht und sich auch unter Gläubigen aller Religionen eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit uralten Riten und Vorschriften wünschte, kann das nicht wirklich unterstellen. So war auch das Zitat über die Empfehlungen der WHO gemeint: Dass die Weltgesundheitsorganisation an die Beschneidung erwachsener Männer denkt – was mir einige Postings empört vorhalten –, spielt hier weniger eine Rolle als die Tatsache, dass sie sie, zu Recht oder zu Unrecht, als medizinische Vorbeugung einstuft. Dies sollte für die umstandslose Einstufung als strafwürdige Tat einfach zu denken geben – nichts weiter sagt das Zitat des Münchner Religionsverfassungsrechtlers Christian Walter, dem ich nachdrücklich zustimme.

Mein Artikel enthielt auch den, ebenfalls heftig zurückgewiesenen, Vorwurf, dass die deutsche Öffentlichkeit – zu der ich natürlich auch die Tagesspiegel-Community rechne – sich die Auseinandersetzung mit den hierzulande etablierten Religionsgemeinschaften, also im Wesentlichen den christlichen Kirchen, spart und sich ersatzweise an Riten und Vorschriften von Minderheiten, hier von Juden und Muslimen, abarbeitet. Wenn ich einen weiteren Beleg dafür gebraucht hätte, die Postings hätten ihn geliefert: Gerade einmal ein Beitrag befasst sich mit den von mir genannten Privilegien der Kirchen. Er nennt die praktisch ausgehebelten Gewerkschaftsrechte. Das mag nicht jeder für fundamental halten. Aber was ist mit der Diskriminierung von Frauen auf allen Ebenen der katholischen Hierarchie? Ist das ein Ausweis jener „Ratio“, die ein anderer in einem modernen Staatswesen überall herrschen sieht, im Unterschied zu bekennenden Gottesstaaten?

Was ist mit den Ländern Europas, wo Gesundheits- oder Bildungswesen mit politischer Rückendeckung derart von den Kirchen dominiert werden, im EU-Gründerland Italien zum Beispiel, dass es praktisch unmöglich ist, dem Religionsunterricht zu entgehen oder eine Schwangerschaft abbrechen zu können? Nein, ich bemühe hier keineswegs ein Totschlagargument, wie mir auch vorgeworfen wurde, der Art „Solange ihr darauf nicht eingeht, dürft ihr auch Judentum und Islam nicht kritisieren“. Das ist nicht mein Argument. Aber nach den Gründen darf ich doch fragen, wenn der Vorwurf archaischer Rückständigkeit nur zwei Religionsgemeinschaften trifft, die in unseren Breiten in der Minderheit sind, nicht aber die weitaus einflussreicheren Kirchen. Und ja, ganz persönlich schaudert es mich, wenn ich Beschneidung als „Blutopfer an Kleinkindern“ bezeichnet sehe.

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