Bestseller : Hauptsache "Scheiß" im Titel

Dass sich Bücher mit "Scheiß drauf"- und "Mir doch schnurz"-Titeln so gut verkaufen, lässt Einblicke in den Zustand der Gesellschaft zu. Ein Kommentar.

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Welche Bücher verkaufen sich wann am besten? Aktuell brummt das Segment der "Mir doch wurscht"-Bücher.
Welche Bücher verkaufen sich wann am besten? Aktuell brummt das Segment der "Mir doch wurscht"-Bücher.Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild

Woran liegt es, ob ein Buch zum Bestseller oder zum Flop wird? Klar, am Titel. Bestsellertitel bilden oft seismographisch die aktuelle Stimmung in der Gesellschaft ab. So gab es Mitte der 1990er Jahre eine Gefühlsfibel namens „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ – ein mit allerhand fernöstlichen Weisheiten gewürzter Briefroman der Italienerin Susanna Tamaro. Schon der Titel passte in ein Klima, das von Sinnsuche und einem Rückzug ins Private geprägt war. Das Buch wurde ein Welterfolg. Oder Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, ein historischer Roman über zwei verschrobene Wissenschaftler: 2005, nach Irakkrieg und eskalierendem Terror, bediente das Thema eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit und menschlichen Geschichten.

Was also sagt die aktuelle Bestsellerliste über unsere Gesellschaft aus? Wer in Buchläden das Regal mit den derzeitigen Topverkäufen durchsieht, macht eine erstaunliche Entdeckung. Ziemlich weit vorne rangiert ein Titel namens „Einen Scheiß muss ich – das Manifest gegen das schlechte Gewissen“, geschrieben von Tommy Jaud, der bei Amazon als „Comedy-Gott“ bezeichnet wird. Nicht weit dahinter steht „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg: Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst“. Der Klappentext vermerkt, die Autorin Alexandra Reinwarth habe es als befreienden Moment erlebt, „als sie ihre nervige Freundin Kathrin mit einem herzlichen ,Fick Dich’ zum Teufel schickte“.

Ebenfalls weit vorne in der Gunst der Leser: „Keine Zeit für Arschlöcher! Hör auf dein Herz“. Der Fernsehkoch Horst Lichter erklärt darin, „warum es wichtig ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen“. Erwähnen sollte man unbedingt noch das Werk „Fuck – das ultimative Fluch- und Schimpfmalbuch“. Die Leser sollen darin originelle Schimpfwörter wie „Alpha-Kevin“ oder „Lauch“ bunt ausmalen. In einer Online-Rezension schwärmt eine 35 Jahre alte Pädagogin, sie könne damit „ihre Aggressionen in Ruhe wegmalen“.

Alle Idioten - außer ich. Ach wie bequem!

Schlussfolgerung 1 aus den Beobachtungen der Bestsellerliste: Kraftausdrücke wie „Scheiß“ und „Arschlöcher“ sind verkaufsfördernd. Es sollte sich also niemand wundern, wenn Martin Suters nächster Roman „Der Scheiß“ heißt. Schlussfolgerung 2: Wer als Autor erfolgreich sein will, muss im Jahr 2017 gegen Verbote, Anweisungen und political correctness anschreiben. Er muss seinen Lesern das Gefühl geben: Ich bin dein Anwalt gegen ein Heer von Autoritäten, die dir vorschreiben, wie du zu leben hast. Die dich damit nerven, dass Alkohol ungesund und Bewegung gut ist. Die dir weismachen, alle Menschen seien nett und liebenswert. In diesen Büchern hingegen lernen wir: Leute blöd zu finden, ist okay. Rauchen und Übergewicht sind immer noch besser als die Vorschriften der „Gemüseterroristen“, wie es bei Tommy Jaud heißt.

Auf den ersten Blick wirkt das erstmal sympathisch – als Gegengift zum grassierenden Wahn der Selbstoptimierer und Leistungsfetischisten. Andererseits: Kann es sein, dass der Erfolg dieser Art Literatur damit zusammenhängt, dass sie die Selbstgerechtigkeit befeuert? Nach dem Motto: Alles was ich mache, ist toll. Egoismus ist super. Meine moralische Instanz bin ich selbst.

Von diesem Selbstverständnis ist es, wenn es schlecht läuft, nicht weit zum Geist der Intoleranz. Zur Überzeugung: Schuld sind immer die anderen. Zur geistigen Trägheit. Zum Misstrauen gegen jegliche Autorität. Zur Staatsverdrossenheit. Zum Nichtwählertum.

Vielleicht nervt Correctness - aber die LMAA-Typen ebenso

Ist das jetzt übertrieben? Vielleicht. Aber ist dies nicht genau die Haltung, die uns täglich in den Kommentarspalten im Internet begegnet? Die alle gesellschaftlichen Debatten bestimmt? Wenn eine Veganerin das Kinderlied „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ verbieten lassen will, regen sich alle über die bizarre Haltung dieser Frau auf, doch der überbordende Protest dagegen zeugt mindestens von der gleichen Verbohrtheit. Eine normale Diskussion führen? Veganer akzeptieren? Einen Scheiß muss ich!

Sicher, die Auswüchse der political correctness sind oft genauso lächerlich wie das Vorschriftentum der Ratgebergesellschaft. Aber die neuen Bestsellerautoren machen es uns leicht, darüber hinaus jegliche Instanz zu verdammen, die ein paar Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens einfordert. Zum Beispiel, Argumente zur Kenntnis zu nehmen. Wozu denn, ich weiß doch selbst, wie's läuft. Ist nur anstrengend. Nervt. Und am Arsch vorbei führt auch ein Weg.

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