Bevölkerungswachstum in der Türkei : Erdogan will Abtreibungen erschweren

Der türkische Ministerpräsident Erdogan will künftig gegen Abtreibungen und Kaiserschnitt-Geburten vorgehen. Sie seien ein Hindernis für das Bevölkerungswachstum der Türkei. Eine Oppositionspolitikerin kritisiert die Pläne des "Vagina-Wächters" heftig.

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Der türkische Ministerpräsident Erdogan setzt sich gegen Abtreibungen ein.
Der türkische Ministerpräsident Erdogan setzt sich gegen Abtreibungen ein.Foto: afp

In der Türkei sollen Abtreibungen künftig nur noch bis zur vierten Schwangerschaftswoche und nur noch in medizinischen Notfällen erlaubt sein. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kündigte jetzt die Abschaffung der bisherigen Regelung an, die Abtreibungen generell bis zur zehnten Woche erlaubt. Erdogan will auch gegen die steigende Zahl von Kaiserschnitt-Geburten vorgehen – wie die jährlich rund 70.000 Abtreibungen in der Türkei seien die Operationen ein Hindernis für das nötige Bevölkerungswachstum im Land, sagte er. Frauenpolitikerinnen sind entsetzt. Eine Oppositionsabgeordnete warf dem Regierungschef vor, er führe sich auf wie ein „Vagina-Wächter“.

Mit ähnlich drastischen Worten hatte Erdogan vergangene Woche die Debatte über die Abtreibung eröffnet. So sagte er, jede Abtreibung sei ein Verbrechen und ein „Uludere“ – in dem gleichnamigen Ort an der türkisch-irakischen Grenze waren im Dezember 34 Schmuggler bei einem türkischen Luftangriff getötet worden, weil sie irrtümlich für kurdische Rebellen gehalten wurden. Mit Blick auf Einwände, bei der Abtreibungsregelung sei auch das Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu beachten, erwiderte Erdogan, dann könne man ja auch Selbstmörder von der nächsten Brücke springen lassen.

Gesundheitsminister Recep Akdag kündigte an, ein Entwurf für das neue Abtreibungsgesetz solle noch vor der am 1. Juli beginnenden Sommerpause ins Parlament eingebracht werden. Bis dahin will die Regierung von Wissenschaftlern festlegen lassen, ab welcher Schwangerschaftswoche das menschliche Leben beginnt – als ob sich diese weltweit heftig diskutierte und höchst komplizierte Frage auf die Schnelle durch ein paar türkische Professoren ein für allemal klären ließe.

Erdogan, ein frommer Muslim, begründete seine Gesetzesinitiative ausdrücklich mit „unseren Werten“, doch es geht ihm auch um ein kräftiges Bevölkerungswachstum, um die Macht der Türkei zu sichern.

Viele islamische Gelehrte sind der Ansicht, dass ein ungeborenes Kind erst etwa im vierten Monat eine Seele erhält und damit zum Menschen wird. Damit ist der Islam beim Thema Abtreibung eigentlich toleranter als etwa die katholische Kirche, für die das menschliche Leben bei der Empfängnis anfängt. Doch Erdogan machte deutlich, dass ihm die relativ tolerante Auslegung im Islam zu lasch ist. Abtreibung sei genauso ein Verbrechen wie ein Kindsmord nach der Geburt, sagte er. Auch das staatliche Religionsamt der Türkei, die offizielle Leitinstanz des Islam in der Türkei, liegt auf Erdogans strikter Linie.

Offen blieb zunächst, ob die geplante Vier-Wochen-Regel bei der Abtreibung selbst für Schwangerschaften nach Vergewaltigungen gelten soll. Gesundheitsminister Akdag sagte, grundsätzlich solle es nur noch Abtreibungen und Kaiserschnitt-Geburten geben, die medizinisch notwendig seien.

Über die hohe Zahl der Kaiserschnitte in der Türkei – in manchen Krankenhäusern laufen neun von zehn Geburten auf diese Weise ab – wird schon länger diskutiert. Viele Ärzte und Frauen entscheiden sich für diese Methode, weil sie zwar teurer ist als eine natürliche Geburt, aber besser planbar und für die Mutter schmerzfrei. Mit dem steigenden Wohlstand in der Türkei nimmt auch die Zahl der Kaiserschnitt-Geburten zu: Im vergangenen Jahr waren es knapp 1,3 Millionen.

Auch dagegen will Erdogan vorgehen. Er bezeichnete die Kaiserschnitt-Geburten allen Ernstes als Teil einer Verschwörung, die das Ziel habe, ein gesundes Bevölkerungswachstum in der Türkei zu verhindern. Schließlich könne eine Frau nach einem Kaiserschnitt höchstens noch ein weiteres Kind bekommen.

Und da liegt für Erdogan das Problem. Denn er zieht seit Jahren mit dem Appell durch das Land, jedes türkische Ehepaar solle mindestens drei Kinder in die Welt setzen, damit das Land einer Überalterung wie in Europa entgehe. Skeptiker werfen Erdogan vor, er fordere zwar ständig mehr Nachwuchs, unternehme mit seiner Regierung aber nichts, um den verlangten Kindersegen etwa durch Einführung eines Kindergeldes für Normalbürger auch bezahlbar zu machen.

Der Regierungschef zeigt sich davon unbeeindruckt. Auch die Kritik der Opposition, die Zahl der Kinder in einer Familie sei allein Sache von Mann und Frau und nicht die des Ministerpräsidenten, lässt Erdogan kalt: Als Regierungschef sei er nun einmal für alles Mögliche im Land zuständig.

Dieses allumfassende Macht- und Amtsverständnis des Ministerpräsidenten wird nach Ansicht seiner Kritiker immer mehr zu einem Problem. „Ich wünsche mir, dass der Ministerpräsident aufhört, Vagina-Wächter zu sein“, erklärte die Oppositionspolitikerin Aylin Nazliaka. „Er hat die Türkei an einen Punkt gebracht, an dem sich ein totalitäres Regime ins Privatleben der Menschen einmischt.“

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