Biologische Vielfalt : Auf dem Feld verhungert

Das Artensterben wird nicht aufhören, wenn weiterhin industrielle Landwirtschaft betrieben wird. In einer strukturlosen Landschaft, die noch dazu mit Ackergiften behandelt wird, können Insekten, Vögel und Kleinsäuger nicht überleben.

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Ein Landwirt versprüht auf einem Feld im brandenburgischen Sieversdorf (Oder-Spree) ein Pestizid. Große Felder, strukturlose Landschaften und Pestizide setzen der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft zu.
Ein Landwirt versprüht auf einem Feld im brandenburgischen Sieversdorf (Oder-Spree) ein Pestizid. Große Felder, strukturlose...Foto: Patrick Pleul/dpa

Der Brandenburger Heinz Litzbarski hat bei einem Fachgespräch der CDU/CSU-Fraktion zum Artenschutz unmissverständlich klargestellt, was das Problem der deutschen Biodiversitätsstrategie ist: Solange die Landwirtschaft auf eine industrielle Erzeugung ausgerichtet ist, haben Insekten, Kleinsäugetiere oder Vögel kaum eine Überlebenschance. Der Vorsitzende des Fördervereins Großtrappenschutz berichtete, dass die Ausbeute eines Keschers, also eines Insektenfangnetzes, auf einem Maisfeld bei unter zwei Gramm Insektenbiomasse liegt, auf einer ungedüngten Wiese sind es schon doppelt so viel und auf dauerhaft angelegtem Grünland ohne Düngung noch einmal doppelt so viel. Das ist aber das Mindestmaß dessen, was Großtrappen auf einem Feld finden müssen, um ein Küken durchzubringen.

Insektensterben in Nordrhein-Westfalen

Der Nabu Nordrhein-Westfalen warnt ebenfalls vor einem dramatischen Insektensterben. Gemeinsam mit dem Entomologischen Verein Krefeld hat der Nabu zwischen 1989 und 2014 eine Langzeituntersuchung der Insektenbiomasse auf 88 Flächen unternommen, wobei sich die meisten Messpunkte in Naturschutzgebieten befanden. Das Ergebnis: „Während wir 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen sammelten, sind wir heute froh, wenn es 300 Gramm sind.“ Das sagte der Nabu- Landesvorsitzende Josef Tumbrinck, als er die Ergebnisse öffentlich machte. Der Rückgang von bis zu 80 Prozent beträfe Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen, und damit für die Landwirtschaft überlebenswichtige Bestäuberarten.

Bienen und Schmetterlinge haben kaum eine Chance

Auch der erste Bericht des Welt-Biodiversitätsrates (Ipbes) hat kein anderes Ergebnis gebracht. Der Wissenschaftlerrat hat den Forschungsstand zum Zustand der Bestäuberarten – neben Insekten wie Bienen oder Schmetterlingen sind das auch Vögel und Fledermäuse – zusammengetragen. Auch wenn für einige Weltgegenden kaum Aussagen gemacht werden konnten, ist eines klar: In der industrialisierten Landwirtschaft geht die Zahl der Bestäuberarten, wie etwa Wildbienenarten, wie auch die Anzahl der Individuen solcher Arten massiv zurück.

Agrarwüsten sind keine Lebensräume

Die Landwirtschaft ist der größte Insektenkiller. Das liegt an den großen Flächen, die selten oder gar nicht durch Hecken, Blühstreifen oder Dauergrünland unterbrochen werden. Neben dem Preisdruck auf internationalen Agrarmärkten hat da das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seiner anfänglich großzügigen Förderung der Biogas-Produktion seinen Anteil daran, dass in den vergangenen Jahren viel Grünland zugunsten der Maisproduktion für Biogasanlagen umbrochen und zerstört worden ist. Der massive Einsatz von Pestiziden, vor allem Insektiziden trägt ebenfalls dazu bei, dass Vögel auf der Agrarfläche inzwischen verhungern.

Der eigentliche Grund für die Landnutzungsänderung ist, dass sich eine umweltverträgliche Landwirtschaft nicht rechnet. Die nächste Agrarreform der Europäischen Union darf sich nicht mit Alibi- Greening-Vorgaben zufrieden geben. Wenn Bauern weiter von europäischen Steuerzahlern alimentiert werden sollen, müssen die Felder Bienen, Schmetterlingen und Vögeln wieder einen Lebensraum bieten. Aber noch will kaum ein Politiker diesen Kampf mit der Agrarlobby und der Agrarchemie aufnehmen.

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