Politik : Bosnien: Verteidigung der Zukunft

Claudia Lepping

Die Putztruppe plant ihre erste große Aktion. Das Vorkommando der "Gruppe Revolucionarna" will sich direkt auf das Stadtzentrum stürzen und mächtig aufräumen. 17 Jugendliche zählen zu ihrem harten Kern. Zu wenig? Nein, sagt ihre Wortführerin Ana, das reicht. Putztruppe - das klingt nach dem jungen Joschka Fischer, ist aber 2001. Und auch nicht Frankfurt am Main vor dreißig Jahren, sondern Hier und Heute in Tuzla, im Norden Bosniens. Revolutionäre Ideen sehen hier friedlich aus, sehr friedlich. Von Gewalt und Krieg wollen die jungen Leute nichts mehr wissen. Das liegt fünfeinhalb Jahre zurück, und die Jugendlichen erinnern sich sehr genau daran, was sie damals im Bosnienkrieg (1992 - 1995) erlebt haben. All das - Folter, Mord und Vertreibung - was die Zeit doch nicht heilt, diese Ohnmacht und der Schock. Seither sind sie erwachsen, obgleich erst 16, höchstens 20 Jahre alt.

Also die Putztruppe. Sie stürzt sich auf den Stadtpark Tuzla. Den wollen die Jugendlichen herrichten und den Bürgern der Stadt vor Augen führen, von wieviel Dreck sie sich trennen müssten. "Es verkommt alles", sagt Ana, "die Menschen nehmen ihre Situation gar nicht mehr wahr. Probleme zu lösen haben sie ohnehin verlernt. Das schaffen wir nur gemeinsam."

Gemeinsam wollen die Jungen auch die größeren Probleme angehen - das Schulsystem beispielsweise. "Die Lehrer erziehen uns, wie sie vor 50 Jahren erzogen wurden, mit völlig veralteten Methoden" , beschwert sich Amra: "Und das Notensystem belohnt den, der nicht selbst denkt, sondern am besten auswendig lernt. Wie sollen wir da Zukunft gestalten?" Das soll sich ändern.

Schützenhilfe leistet ein Emanzipationsprojekt der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit. "Mobile Culture Container" steht über dem Logo einer gezeichneten Hand, die eine Schreibfeder hält. Und: "Die Verteidigung unserer Zukunft." Hier sollen, können die Jugendlichen ermutigt werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, es zu gestalten und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Fünf Fragen sind es, die von dem OSZE-Stab auf Flugblättern in der Stadt verteilt wurden und die Jugendlichen angelockt haben: Denkst du über deine Zukunft nach? Wie stellst du sie dir vor? Was für Verantwortung trägst du für dich und deine Familie, Freunde, deine Stadt und dein Land? Welche Probleme hast du - persönlich, wirtschaftlich, politisch, technisch? Und vor allem: Was heißt es für dich, Zukunft zu gestalten?

Die Idee, darauf Antworten suchen zu lassen, stammt von dem SPD-Politiker und Medienbeauftragten der OSZE, Freimut Duve. Sechs Wochen lang stehen die 15 Container in Tuzla. Sie sind durch eine futuristische Zeltkuppel verbunden. In der Mitte ist Platz für eine Bühne, auf der Theater und Musik gespielt wird. Kreativität entwickeln, sich trauen, heißt die Devise. Jede Aktion steht unter dem Motto "Verteidigung unserer Zukunft". Vom Hip-Hop über Graffiti-Malerei und Internet-Kurse bis hin zu Lesungen aktueller Lyrik und Prosa - die Jugendlichen kommen ins Gespräch, diskutieren.

Kommen kann, wer will. Und es wollen täglich mehr. "Die Jugendlichen merken, dass sie alle - gleich welcher Herkunft - ähnliche Probleme haben, die sie besser gemeinsam angehen sollten", sagt Mihaylo Milovanovic, der das Programm im Container koordiniert. Natürlich, es geht auch um Wahrheit und Aufklärung über den Krieg. "Aber nicht zu viel", warnt der junge Bulgare: "Zu viel Vergangenheit hält unser Projekt nicht aus. Die Jugendlichen erwähnen, wer ihnen im Krieg weh getan hat, wem sie die Schuld geben. Aber wenn es zu schlimm wird, müssen wir eingreifen. Wir können nicht therapieren. Es geht um die Zukunft." Schon heute bedauern die Jugendlichen von Tuzla jenen Tag, an dem die Container ab- und im kroatischen Ossijek aufgebaut werden. Bis zum Herbst kommt das Projekt nach Cacak in Jugoslawien.

Was bleibt in Tuzla? "Wir wollen weitermachen, wir wollen nicht zurück in die Gleichgültigkeit oder ins Ausland. Aber wir brauchen Arbeitsplätze, wir wollen bleiben und unsere Probleme lösen", sagt Ana. Selim Beslagic, der Gouverneur des Kantons, hat den Bürgermeister um einen ständigen Raum für die Jugendlichen gebeten. Mehr kann er nicht tun. Darum beschleichen ihn Sorgen: "Die junge Generation kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass sich die Politik um ihre Jobs kümmert. Heute muss jeder sehen, wo er bleibt." Ginge es nach ihm, müssten die Jugendlichen mutiger in die Wirtschaft gehen, Englisch lernen und "Impuls für ausländische Investoren" sein.

Ein paar Meter weiter, im Internetcafé des Containers chattet Ana mit einem Freund, dessen Eltern mit ihm schon 1992 nach Kanada geflohen waren. "Der will bleiben. Aber er hat gesagt, wenn wir hier Jobs kriegen, kommt er zurück." Von der Putztruppe hat sie ihm auch geschrieben. Sie grinst verlegen und sagt: "Er will ein Foto von der Aktion haben. Er glaubt nicht, dass wir uns selbst aus dem Dreck ziehen können."

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