Politik : Bosniens Teilung: Der letzte Akt

Claudia Lepping

Es war der letzte offene Streit über Gebietsansprüche in Bosnien seit dem Ende des Krieges im Jahr 1995. Gehört Dobrinja - der wohl berühmteste Vorort der Hauptstadt Sarajevo - zur kroatisch-moslemischen Föderation oder zur bosnischen Serbenrepublik, der "Republika Srpska"? Der irische Streitschlichter Diarmuid Sheridan entschied jetzt nach monatelangen intensiven Verhandlungen: Dobrinja ist Teil der Föderation. Der Friedensvertrag von Dayton lässt damit zumindest de jure keine territorialen Fragen mehr offen.

Ausgelöst hat Sheridan mit seinem Spruch den wohl größten Sammelumzug, den Sarajevo seit dem Ende der Kämpfe erlebt: Nun müssen die bosnischen Serben rund 800 Wohnungen räumen, damit die ehemaligen Bewohner - bosnische Moslems und Kroaten - zurückkommen können. Die Serben wiederum sollen in deren bisherige Häuser in der Innenstadt ziehen. Sarajevo wird damit wieder etwas multiethnischer. Der internationale Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch begrüßte die Entscheidung und rief alle Beteiligten dazu auf, die Lösung sensibel umzusetzen.

Bosnische Serben hatten den Vorort während des Krieges (1992 bis 1995) und auch nach dem Abzug der Truppen kontrolliert. Keinen Zentimeter Boden wollten sie von diesem strategisch so wichtigen Gelände hergeben. Während der vierjährigen Belagerung Sarajevos durch die Armee der bosnischen Serben war Dobrinja Frontlinie. Der Flughafen der Stadt war besonders hart umkämpft - die internationale Luftbrücke zur Versorgung der Stadt war wegen der Gefechte mehrfach wochenlang unterbrochen. Unter der Startbahn hatten Kroaten und Moslems heimlich einen Tunnel angelegt, um die feindlichen Linie der Serben buchstäblich zu unterlaufen und Lebensmittel aus den Dörfern rund um Sarajevo in die hungernde Stadt zu schleusen.

Während der Häuserkämpfe in Dobrinja hatten die Serben Wohnblocks vermint. Internationale Organisationen hatten erst Ende 1999 ihre Entminungsarbeiten beendet. Danach wurden die Häuser von der EU renoviert und für den Bezug freigegeben. Viele bosnischen Serben hatten dort Unterkunft gesucht - es entstand eine fast ethnisch reine Wohnsiedlung. Ganz ohne Protest gaben die Serben Dobrinja allerdings nicht auf. Dutzende Serben marschierten in der Nacht zum Mittwoch durch den Vorort. Den Polizisten der moslemisch-kroatischen Föderation riefen sie zu: "Kommt her, Türken, wovor habt ihr Angst?"

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