Brand von Backnang : „Ein neues Solingen?“

Der Brand von Backnang soll nichts als ein Unfall gewesen sein. Trotzdem hegen viele Türken den Verdacht, dass Rechtsextremisten den Brand gelegt haben.

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Trauernde bringen Blumen, Stofftiere und Lichter an den Ort der Tragödie in Backnang, bei der eine Mutter und ihre sieben Kinder aus de Türkei ums Leben kamen.
Trauernde bringen Blumen, Stofftiere und Lichter an den Ort der Tragödie in Backnang, bei der eine Mutter und ihre sieben Kinder...Foto: dpa

Feuerwehrleute auf Leitern vor den ausgebrannten Fensterkreuzen eines Wohnhauses, Angehörige, die vom Tod ihrer Verwandten berichten, Gerüchte über merkwürdige Brände ganz in der Nähe – „es war nicht das erste und nicht das letzte Mal“, sagte Erhan Merttürk, der Berlin- Korrespondent des Fernsehsenders CNN-Türk am Montag. Nach dem Tod von sieben türkischen Kindern und ihrer Mutter bei dem Wohnhausbrand im baden-württembergischen Backnang hegt die Türkei den Verdacht, Neonazis könnten das Feuer gelegt haben, und offenbart damit ihr tiefes Misstrauen den Deutschen gegenüber.

„Ein neues Solingen?“, fragte die Zeitung „Vatan“ am Montag auf der Titelseite. „Solingen-Verdacht“, hieß es bei der Konkurrenz von „Taraf“. Die nationalistische „Türkiye“ brachte auf den Punkt, was viele Türken nach dem Brand von Backnang dachten: „Wieder Deutschland – wieder Türken verbrannt.“ Auch die Politik äußerte ihre Besorgnisse. Staatspräsident Abdullah Gül sagte, angesichts der fremdenfeindlichen Anschläge in Deutschland in der Vergangenheit müsse mit dem Schlimmsten gerechnet werden. In Mölln und Solingen hatten deutsche Rechtsradikale in den Jahren 1992 und 1993 insgesamt acht Türken getötet – die Erinnerung daran ist nicht verblasst.

Und dann kam die NSU. Über Jahre hatten die Türken in Deutschland und die Vertreter der türkischen Regierung von deutschen Behörden gehört, dass die Gründe für die ungeklärten Morde wahrscheinlich im Umfeld der organisierten Kriminalität zu suchen seien, nicht aber bei Neonazis. Als dann die Wahrheit ans Licht kam, waren nicht nur die Deutschen geschockt, sondern auch die Türken.

Aufmarsch gegen Rechts in Deutschland
Mit Tränengas versuchen Polizisten am Dienstagvormittag in Bonn die Gegendemonstranten eines Neonazi-Aufmarsches zurückzudrängen, als diese auf die Marschroute der Rechtsextremen durchbrechen wollen. Nach Angaben der Bonner Polizei wurde bei dieser Aktion niemand verletzt. Mehr als 60 Aktionsbündnisse beteiligen sich an Demonstrationen gegen einen Neonazi-Aufmarsch. "Bis auf zwei kleinere Vorfälle laufen alle Demonstrationen bisher sehr friedlich ab", sagt Carsten Möllers, ein Sprecher der Bonner Polizei.Weitere Bilder anzeigen
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Deshalb zweifelt die Türkei nach Backnang an den deutschen Erklärungen. Auch im Fall des Todes von neun Türken bei dem Brand in Ludwigshafen sei bis heute nicht geklärt, was nun eigentlich dahintersteckte, berichtete CNN-Türk-Reporter Merttürk am Montag. Für die deutsche Seite ist diese Tragödie längst als Unfall abgehakt.

Bei den Türken ist nichts abgehakt. Auch nach Backnang stellen sie die Frage, warum ausgerechnet wieder ein von Türken bewohntes Haus in Deutschland gebrannt hat. Von einem Holzofen ist die Rede, von schlampig verlegten Stromkabeln. Von einer ungeklärten Brandstiftung in der Nähe kurz vor dem Feuer von Backnang. Und von einer Mutter, die verzweifelt versuchte, ihre Kinder zu retten.

Nach Berichten von Überlebenden war die 40-jährige Nazli Özcan zuerst mithilfe eines griechischen Wohnungsnachbarn lebend aus dem brennenden Haus gezogen worden. Özcan lief dann jedoch ins Haus zurück, um ihre Kinder aus den Flammen zu retten. Als man später ihre Leiche fand, hatte sie ihr jüngstes Kind, den erst sechs Monate alten Murat, in den Armen. Auch er kam um.

„Ohne Raum für Zweifel zu lassen“, müsse der Brand von Backnang aufgeklärt werden, forderte der für die Auslandstürken zuständige Vizepremier Bekir Bozdag. „Wir hoffen, dass es kein rassistischer Anschlag war“, erklärte er. „Wir werden das genau verfolgen.“

Vermeintliche oder tatsächliche Verbrechen an Türken in der Bundesrepublik passen zum türkischen Bild von Westeuropa als Region, in der die Behörden militanter Fremdenfeindlichkeit und Hass mit viel Nachsicht begegnen. Deshalb wandte sich Nezahat Coskun, eine in Deutschland lebende Verwandte der Todesopfer von Backnang, am Montag über die türkischen Medien an Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im fernen Ankara. Sie bat den Politiker, bei den Ermittlungen Druck auf die Deutschen zu machen: „Er soll in dieser Sache nicht aufgeben.“ Auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte Nezahat Coskun. Aber erst an zweiter Stelle.

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