Interview zur Pflege in Deutschland : "Die Menschen denken zu lange, dass sie es alleine schaffen"

Im Wahlkampf versprechen alle Parteien mehr Geld für die Pflege. Aber was sind die Probleme in der Praxis? Ein Pflegedienstleiter im Gespräch.

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Johannes Engel leitet die Caritas Sozialstation Tiergarten in Berlin. Zu der Station gehören auch zwei Demenz-WGs.
Johannes Engel leitet die Caritas Sozialstation Tiergarten in Berlin. Zu der Station gehören auch zwei Demenz-WGs.Foto: promo

Der Mangel an Fachkräften wird von der Politik als eines der drängenden Probleme im Pflegebereich benannt. Wie schwer ist es in der Praxis, Mitarbeiter zu finden?

Gesunde und motivierte Mitarbeiter zu finden und zu halten, ist nicht leicht. Die Anforderungen sind sehr hoch, die Bezahlung ist dagegen nicht besonders gut, obwohl wir als kirchliches Unternehmen unsere Mitarbeiter weit über dem Branchendurchschnitt bezahlen Außerdem gibt es in der ambulanten Pflege nur wenige Vollzeitstellen. Mit einer Dreiviertel-Stelle lässt sich nicht viel verdienen. Die zweite große Herausforderung ist der Zeitdruck.

Wie viel Zeit haben Sie pro Mensch?

Das richtet sich nach den Leistungen, die der Kunde einkauft. Es gibt verschiedene Module, die man kaufen kann. Für jedes Modul ist mit den Pflegekassen eine Vergütung vereinbart. Eine große Körperpflege ist bei uns zum Beispiel pauschal mit knapp einer halben Stunde bemessen. Bei manchen Kunden ist man schneller, bei manchen dauert es länger. Mit dem neuen Pflegeweiterentwicklungsgesetz sollen die Menschen zukünftig aber auch Zeitkomplexe kaufen können statt Leistungen.

Das finde ich schwierig, denn wenn all diejenigen, bei denen es schneller geht, neue Verträge abschließen, weil sie mit weniger Zeit günstiger davonkommen, fehlt uns der Puffer für die anderen. Für mich ist das ein Aufkündigen des Solidaritätsprinzips - obwohl das Gesetz ja eigentlich gut gemeint ist und für Demenzkranke zum Beispiel auch wirkliche Verbesserungen gebracht hat.

Was muss sich politisch schnell ändern?

Es ist zu intransparent, wie die Gutachter, die den Unterstützungsbedarf pflegebedürftiger Menschen in ein Pflegestufensystem einordnen, zu ihrer Einschätzung kommen. Wissenschaftliche und nachvollziehbare Kriterien, gerade für den Bereich Demenz, wären sehr sinnvoll.

Beschäftigen sich alte Menschen heute stärker mit dem Gedanken, dass sie ein Pflegefall werden könnten?

Es ist immer noch häufig so, dass die Menschen ganz lange denken, sie schaffen es alleine. Dann passiert etwas – ein Sturz oder ähnliches – und sie brauchen ganz schnell Hilfe. Viele haben sich nie vorher informiert und sind dann schockiert, dass die Pflegekasse oft nur etwa die Hälfte von dem übernimmt, was sie sich wünschen. Wenn man so will, ist die Pflegeversicherung als Teilkaskoversicherung zu verstehen. Die Menschen sehen nicht ein, dass sie ihr Erspartes für die Pflege ausgeben oder eventuell sogar ihre Eigentumswohnung verkaufen müssen. An der Stelle muss unsere Gesellschaft umdenken.

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