Buchhalter von Auschwitz : Oskar Gröning: "Wir waren dressiert, auf Befehl zu handeln"

Vor dem Landgericht Lüneburg berichtet Oskar Gröning, der Buchhalter von Auschwitz, lakonisch über die Abläufe des Mordens im Konzentrationslager. Lesen Sie hier seine wichtigsten Aussagen im Überblick.

Claudia von Salzen
Oskar Gröning, der Buchhalter von Auschwitz. Foto: dpa
Oskar Gröning, der Buchhalter von Auschwitz.Foto: dpa

So hat in Deutschland seit Jahrzehnten niemand mehr öffentlich über Auschwitz gesprochen. Vor dem Landgericht Lüneburg sagte in der vergangenen Woche der frühere „Buchhalter von Auschwitz“, Oskar Gröning aus. Der 93-Jährige beschrieb die Abläufe in der Todesfabrik so sachlich und distanziert, dass den Zuhörern immer wieder der Atem stockte. Erschüttert zeigte der Angeklagte sich über eine Tat von absoluter Brutalität, den Mord an einem Baby. Das alltägliche tausendfache Morden in den Gaskammern jedoch schien er akzeptiert zu haben. So wird dieser Prozess, in dem es um Beihilfe zum Mord an mehr als 300 000 Menschen geht, zu einer Lehrstunde in deutscher Geschichte. Wie kam ein niedersächsischer Sparkassenangestellter nach Auschwitz? Was hat er dort gesehen? Und was hat er dort getan? Die wichtigsten Aussagen Grönings im Überblick:

Über seinen ideologischen Hintergrund:
Oskar Gröning wächst in einer Familie auf, in der nach seinen eigenen Worten der „Geist von Kaisertreue, militärischem Drill und Gehorsam“ herrscht. Er selbst sei „adolftreu“ gewesen. Frühzeitig tritt er in die paramilitärische Jugendorganisation des „Stahlhelm“, in die Hitlerjugend (HJ) und auch die NSDAP ein. „Ich habe als linientreuer Hitlerjunge alles bejubelt, was es zu bejubeln gab.“ Vor Gericht erinnert der Staatsanwalt daran, dass Grönings Bruder ein HJ-Führer war. Nachdem dieser in der Schlacht bei Stalingrad gefallen ist, heiratet Gröning dessen Verlobte, auch sie offenbar eine begeisterte Anhängerin des NS-Regimes, Führerin im Bund Deutscher Mädel (BDM). Gröning bestätigt, dass er gesagt habe, die „Sippe“ müsse fortbestehen. Die Identifikation mit dem Nationalsozialismus ist bei Gröning so hoch, dass er sogar aus der evangelischen Kirche austritt. Das sei von der Reichsführung der SS gewünscht, aber nur von einer Minderheit der SS-Leute tatsächlich befolgt worden, betont Staatsanwalt Jens Lehmann.

Über seine Versetzung nach Auschwitz:
Der Sparkassenangestellte Oskar Gröning meldet sich freiwillig zur Waffen-SS. In Berlin wird Gröning und anderen SS-Leuten gesagt: „Ihr bekommt eine Aufgabe, die mehr Opfer verlangt als an der Front.“ Die Tätigkeit werde „nichts Angenehmes“ sein, aber „wichtig für den Endsieg“, sagen ihnen SS-Offiziere. „Ihr müsst das tun, weil das deutsche Volk sonst untergeht.“ Auch auf Nachfragen des Richters Franz Kompisch bleibt Gröning dabei: Er habe nicht gewusst, dass er nach Auschwitz versetzt werden würde. Er unterschrieb eine Verpflichtungserklärung, wonach er auch gegenüber Angehörigen Stillschweigen über die neue Aufgabe bewahren müsse.

„Ahnten Sie, worum es da gehen könnte?“, fragt der Richter.

„Nein, keine Ahnung.“

„Wussten Sie, was die SS macht, welche Aufgaben die hat?“

„Nein, keine Ahnung.“

Warum er denn dann überhaupt zur SS gewollt habe?

„Ich wusste, dass das eine zackige Truppe war, die immer vorne mitgemischt hat und ruhmbedeckt nach Hause kam.“

Der Richter scheint noch immer nicht zu glauben, dass Gröning wirklich nicht wusste, was die Aufgaben der SS waren. Deren Totenkopfverbände wurden in den Konzentrationslagern eingesetzt. Von den Vorgängen in den Lagern sei ihnen nichts bekannt gewesen, behauptet Gröning vor Gericht. „In unserer Euphorie haben wir das beiseite geschoben.“ Während er zunächst angibt, er habe nicht gewusst, dass die Fahrt nach Auschwitz gehen würde, nicht geahnt, was ihn erwartet, sagt er ein paar Minuten später, er habe gedacht, „Auschwitz sei ein Umerziehungslager wie andere auch“. Dann sagt er noch: „Wir waren dressiert, auf Befehl zu handeln, gleichgültig, was auch passiert.“

Über das Lager Auschwitz I:
Im Lager Auschwitz I seien „Berufsverbrecher“ gewesen, die ihre Strafe abgesessen hätten, Leute vom „Wachturm“ – gemeint sind Zeugen Jehovas – und „Asoziale“. Das Stammlager, auch als Auschwitz I bekannt, lag drei Kilometer vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) entfernt. Die Nationalsozialisten behaupteten bereits über die ersten Lager in Deutschland, dass dort vorwiegend Verbrecher und „Asoziale“ interniert seien. In Auschwitz waren jedoch polnische Intellektuelle, Juden aus ganz Europa und später auch sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert.

Gröning sagte vor Gericht, die Häftlinge seien morgens „aus dem schönen geschmiedeten Tor ‚Arbeit macht frei’“ marschiert, angeführt von einem Kapo (so wurden die Funktionshäftlinge genannt). „An die Macht der Blockältesten kam man selbst als SS-Mann nicht heran.“ In Auschwitz 1 habe es sogar ein „Bordell für die Blockführer“ gegeben, sagt er zur Begründung.

Die Kapos hatten in Konzentrationslagern die Aufgabe, die anderen Häftlinge zu beaufsichtigen. Im Gegenzug erhielten sie gewisse Vergünstigungen. An dieser Stelle dreht Gröning allerdings die Machtverhältnisse in Auschwitz um, wenn er behauptet, die Kapos, die doch selbst Häftlinge waren, hätten mehr Macht gehabt als die SS-Männer, die bewaffnet waren und selbst über Leben und Tod entscheiden konnten. „Blockführer“ gab es in Auschwitz wirklich, aber das waren keine Häftlinge, sondern SS-Männer.

Über den ersten Massenmord, dessen Zeuge er wird:
Im Dezember 1942 habe es einen Alarm wegen geflohener Häftlinge gegeben, berichtete Gröning. Er und andere SS-Männer sollten ein Wäldchen durchsuchen und stießen auf ein „umgebautes Bauernhaus“, in dem die Ermordung von Menschen durch Gas getestet wurde. „Das war das erste Mal, dass ich bei einer kompletten Vergasung mitgemacht … nein, nicht mitgemacht habe …“, korrigiert Gröning sich schnell. Sie hätten „beobachtet“. Vor Gericht beschreibt Gröning die Schreie, die immer leiser wurden, bis es ganz still war. Die Leichen seien später verbrannt worden.

Über die Rampe in Auschwitz-Birkenau:
Während Grönings Zeit in Auschwitz wurde die Rampe in Birkenau neu gebaut – damit noch mehr Menschen in immer kürzerer Zeit ermordet werden konnten. Wenn Oskar Gröning über die Abläufe an der Rampe spricht, taucht ein Wort immer wieder auf: Ordnung. „Es war sehr viel ordentlicher und nicht so strapaziös wie auf der Rampe in (dem Lager Auschwitz) 1.“ Von dort aus wurden die meisten Menschen direkt in die Gaskammern geschickt. „Es hat keine Exzesse gegeben. Das ist alles ruhig vonstatten gegangen.“ Den Juden sei gesagt worden, sie müssten die Koffer nicht selbst auf die Rampe stellen, dafür gebe es „Personal“. „Und sie würden ihr Gepäck auch nach der Desinfektion wiederfinden.“

Auf die Frage des Richters, wie er die Stimmung der Menschen beschreiben würde, die dort ankamen, antwortet Gröning: „Unbedarft.“ „Was heißt das?“ „Vollkommen ahnungslos.“

Detailliert beschreibt Gröning, dass aus Ungarn manchmal drei Züge gleichzeitig ankamen. Die SS-Männer hatten dann 24 Stunden lang Dienst. „Wenn drei Transporte kamen, ist es in Birkenau ein bisschen turbulenter zugegangen, denn der Platz war nicht sehr groß.“ Auch die Kapazität der Gaskammern und der Krematorien sei begrenzt gewesen. Die Menschen im zweiten und dritten Zug mussten stundenlang in verschlossenen Viehwaggons ausharren. „Der Ordnung wegen wurde so lange gewartet, bis der Zug eins abgefertigt war.“ Für die sogenannte „Ungarn-Aktion“ habe es keine besonderen Befehle gegeben, sagte Gröning vor Gericht. „Für uns war das Routine.“

Über seine eigene Rolle:
Auf der Rampe sei es häufig zu Diebstählen gekommen. „Ich habe nur auf die Koffer achtgegeben. Unsere Aufgabe war es, Diebstähle zu verhindern. Mit den Häftlingen, der Bewachung der Häftlinge hatten wir nichts zu tun.“

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Gröning regelmäßig an der Rampe Dienst tat. So hat es Gröning in einer früheren Befragung einmal ausgesagt. Vor Gericht behauptete Gröning aber, nur dreimal dort gewesen zu sein.

„An besondere Vorkommnisse bei meinen Einsätzen in Auschwitz-Birkenau kann ich mich nicht erinnern.“

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