Buchveröffentlichung zur NSU-Mordserie : Opferanwälte: Die NSU-Morde haben RAF-Dimension

Enver Simsek war das erste NSU-Opfer. Seine Tochter Semiya Simsek veröffentlicht nun ein Buch über seinen Tod - und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staat. Ihre Anwälte vergleichen die Morde mit den Taten der RAF. Der Tagesspiegel hat das Buch vorab exklusiv lesen dürfen.

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Semiya Simsek hat ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben.
Semiya Simsek hat ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben.Foto: Doris Spiekermann-Klaass

In wenigen Stunden wird das erste Buch einer Hinterbliebenen der Neonazi-Mordserie um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in Berlin vorgestellt. Der Tagesspiegel hat es vorab lesen können (siehe Rezension). Vor allem im Nachwort der beiden Anwälte Stephan Lucas und Jens Rabe wird der Staat und die Politik scharf angegriffen. „Die Staatsführung hat völlig versagt“, schreiben die Anwälte in „Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater“ und werfen der Staatsführung und der gesamten Politik vor, die Dimension des Geschehens nicht begriffen zu haben, auch weil die „staatlichen Behörden auf dem rechten Auge blind“ seien. Wörtlich heißt es: „Die Taten des NSU stellen einen ebenso massiven Angriff auf die bundesrepublikanische Ordnung dar, wie die der Roten-Armee-Fraktion.“ Rabe und Lucas kritisieren scharf, dass die Politik den Eindruck erwecke, man halte sich beim rechten Terror im Gegensatz zu den RAF-Taten deshalb zurück, „weil es sich bei den Opfern um Migranten handelt“.

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, war das erste Opfer der rassistisch motivierten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). An jenem Tag fiel ein Mitarbeiter aus, der normalerweise seinen Blumenstand an einer Ausfallstraße nahe Nürnberg betreute. Şimşek fährt selbst nach Nürnberg und wird dort von den Tätern angeschossen. Es dauert noch zwei Tage, bis er in einem Krankenhaus am 11.September 2000 im Alter von 38 Jahren den Schusswunden erliegt. Der Fall wird von der Bundesregierung erst 2012 als rassistisch motivierte Straftat anerkannt. Zu Beginn wurde auch gegen die Frau und Verwandte des Mannes ermittelt. Die Polizei verdächtigte den Getöteten des Drogenhandels.
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04.07.2012 15:04Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern,...

 Attackiert wird auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der „das Behördenversagen mit jedem Interview kleiner und kleiner“ rede. Die Politik „delegiert alle Verantwortung an den Ermittlungsausschuss, die Bundesanwaltschaft und den Strafprozess“, heißt es. Lucas und Rabe warnen davor, dass die Politik „das Verfahren benutzt, sich noch weiter ihrer Verantwortung zu entledigen“. Wörtlich heißt es: „Die Strafjustiz mag ein Mittel der Kriminalitätsbekämpfung sein, zur Korrektur gesellschaftlicher Fehlentwicklungen wie den Rechtsextremismus war sie noch nie in der Lage.“