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Bürgerkrieg in Syrien : Die Eroberung Aleppos ist auch eine Befreiung

Sind die Rebellen Widerstandskämpfer oder Terroristen? Im syrischen Bürgerkrieg fällt es schwer, die Guten von den Bösen sauber zu trennen. Ein Kommentar.

Kirchenmitglieder in den Trümmern der St.-Elias-Kathedrale in Aleppos Altstadt.
Kirchenmitglieder in den Trümmern der St.-Elias-Kathedrale in Aleppos Altstadt.Foto: AFP

Die Flächenbombardements der Alliierten auf deutsche Großstädte im Zweiten Weltkrieg waren inhuman. Viele Historiker bezeichnen sie als Kriegsverbrechen. Am 15. November 1943 hatte Radio London in deutscher Sprache verkündet, die Royal Air Force werde Berlin bis Ende Dezember jede Nacht angreifen. Was ein solcher Luftkrieg bedeutet, hatte der Jude Ralph Giordano kurz zuvor in Hamburg erlebt. Er wurde ausgebombt und floh in ein kleines Dorf in der Altmark. Dort hörte er gegen 22 Uhr die Meldung von Radio London.

Giordano erinnert sich: „Und dann, mir sträubt sich die Feder, geschah es. Obwohl ich den Luftkrieg und seine Schrecken durch die ,Operation Gomorrha‘ doch gerade am eigenen Leibe gespürt hatte; obwohl ich genau wusste, was Minen, Stabbrandbomben und Phosphor anrichten, und dass in weniger als einer halben Stunde die todbringende Last über Berlin ausgeklinkt werden würde – ich rannte nach draußen, jubelte in der Dunkelheit auf der leeren Dorfstraße, jauchzte und schickte meine glühenden Grüße und Wünsche hoch in den lärmzerfetzten Himmel. Ohne Gedanken an die Männer, Frauen und Kinder, die verstümmelt, verschüttet, verbrennen würden und deren letzte Lebensnacht angebrochen war.“

Fast genau ein Jahr und drei Monate später, in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, wurde Dresden bombardiert. Wieder gab es tausende tote Zivilisten, und wieder gab es eine Minderheit, die dankbar war. Die letzten verbliebenen Juden der Stadt nämlich, darunter Kinder, Frauen und Männer aus sogenannten Mischehen, sollten am 16. Februar deportiert werden. Das Flächenbombardement rettete ihnen das Leben.

Den Kern der Anti-Assad-Kämpfer bildeten radikale sunnitische Islamisten

Nun sind historische Analogien stets gewagt, meistens schräg und oft unpassend. Aber einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 2016, lief eine kleine Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) über den Ticker. Sie blieb weitgehend unbeachtet. Die Überschrift lautete „Pfarrer von Aleppo: Ein Traum ist wahr geworden“. Zitiert wird der katholische Geistliche Ibrahim Al-Sabagh, der den Sieg der syrischen Armee, unterstützt von Russland und dem Iran, über die bewaffneten Rebellen im Ostteil der Stadt euphorisch bejubelt. „Zwei Tage vor der Geburt des Friedenskönigs feiern alle Menschen“, sagt der Franziskanerpater. Dies sei das schönste Geschenk, das sich die Menschen in Aleppo hätten vorstellen können. Gott habe die Gebete der Kinder erhört.

Wurde Aleppo erobert oder befreit? Sind die Rebellen Widerstandskämpfer oder Terroristen? Im syrischen Bürgerkrieg fällt es schwer, moralische Maßstäbe aufrecht zu erhalten, die Guten von den Bösen sauber zu trennen. Den Kern der Anti-Assad-Kämpfer im Osten Aleppos bildeten radikale sunnitische Islamisten. Im Januar 2012 war die Al-Nusra-Front gegründet worden, die sich lange Zeit Al Qaida zugehörig fühlte. Im Juli 2016 sagten sie sich von ihrem obersten Befehlshaber Ayman al-Zawahiri in Afghanistan los und nannten sich fortan Jabhat Fateh al-Sham. Ihre Ideologie und ihr Fanatismus ähnelt dem der Dschihadisten vom „Islamischen Staat“. Wie der IS wollen sie ein islamisches Emirat errichten.

Der Diktator garantierte den Christen ein gewisses Maß an Religionsfreiheit

Für die Christen in Aleppo wie in ganz Syrien gilt Baschar al-Assad als Beschützer. Der Diktator garantierte ihnen ein gewisses Maß an Religionsfreiheit. Die größte Bedrohung wiederum geht von Assads Gegnern aus, den Hardcore-Islamisten.

Die Rolle des obersten Beschützers der Christen in der Region reklamiert allerdings seit dem 19. Jahrhundert Russland für sich. Als Wladimir Putin beschloss, an der Seite des bedrängten Assad massiv in den Bürgerkrieg einzugreifen, sagte der Patriarch der syrisch-orthodoxen Kirche, Ignatios Ephrem II: „Russland hat den Menschen in Syrien wieder Hoffnung gegeben“.

Etwa zehn Prozent der Syrer sind Christen, besser gesagt: Sie waren es. Rund 500.000 mussten das Land seit Beginn des Bürgerkrieges verlassen. Wer bleibt, lebt in ständiger Angst vor dem Terror der fanatischen sunnitischen Extremisten. Die christliche Bevölkerung von Aleppo ist von einst 250.000 auf 50.000 geschrumpft. Einige von ihnen konnten das Weihnachtsfest zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder in der St.-Elias-Kathedrale in Aleppos Altstadt feiern, zumindest in deren Trümmern.

Sind in Syrien nun also die vermeintlich Bösen die Guten und die vermeintlich Guten die Bösen? Nein, einfach umdrehen lässt sich das Urteil nicht. Aber wer eines fällen will, muss die volle Wahrheit zur Kenntnis nehmen. Das gilt für Dresden ebenso wie für Aleppo.

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