Bürgerkrieg in Syrien : Neue Kämpfe und neue Einigkeit

Die Führung der syrischen Aufstandsbewegung steht: Sie besteht aus prominenten Dissidenten und moderaten religiösen Führern. Zum ersten Mal ist auch eine Frau dabei. Unterdessen gingen die Kämpfe an den Grenzen zur Türkei und zu Israel weiter.

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Feuer nach einem Angriff der syrischen Luftwaffe nahe der türkischen Stadt Ceylanpinar. Drei türkische Bürger sollen verletzt worden sein.
Feuer nach einem Angriff der syrischen Luftwaffe nahe der türkischen Stadt Ceylanpinar. Drei türkische Bürger sollen verletzt...Foto: dpa

Monatelang war die Konferenz verschoben worden, eine Woche lang wurde jetzt in Katars Hauptstadt Doha bis tief in die Nächte hinein hinter verschlossenen Türen gefeilscht. Am Ende einigte sich die chronisch zerstrittene syrische Opposition zum ersten Mal seit Beginn des Volksaufstandes auf eine Gesamtführung. Die neue „Nationale Koalition“ ersetzt den bisherigen Syrischen Nationalrat (SNC), bezieht Regimegegner innerhalb des Landes stärker mit ein und beschneidet den bislang dominanten Einfluss der langjährigen Exil-Vertreter. Zudem beschlossen die Assad-Gegner, eine gemeinsame Militärzentrale zu etablieren, um dem wachsenden Einfluss dschihadistischer Kampfgruppen unter den Bewaffneten entgegenzuwirken. Einen Dialog mit dem Baath-Regime jedoch schlugen die Delegierten in ihrem Abschlusskommuniqué erneut kategorisch aus.

Die Vereinigten Staaten und Europa, die zusammen mit den Ländern der Arabischen Liga erheblichen Druck auf die Konferenz ausgeübt hatten, reagierten in ersten Stellungnahmen verhalten positiv. Der Sprecher des US-Außenministeriums versprach, Washington werde die neue „Nationale Koalition“ in ihrem Kurs unterstützen, „die blutige Herrschaft Assads zu beenden und eine friedliche, gerechte und demokratische Zukunft einzuläuten, die das syrische Volk verdient“. Großbritannien nannte die Einigung „einen wichtigen Meilenstein bei der Bildung einer repräsentativen Opposition, die die volle Bandbreite der syrischen Gesellschaft widerspiegelt“. Lediglich Frankreich ging weiter. Außenminister Laurent Fabius sagte, er werde sich gemeinsam mit Präsident François Hollande dafür einsetzen, dass die vereinigte Opposition international als „Repräsentantin der Hoffnungen des syrischen Volks“ anerkannt werde.

Wegen ihrer Zerstrittenheit fehlt der syrischen Exilführung jedoch weiterhin die breite internationale Anerkennung, wie sie der Provisorische Nationalrat Libyens in seinem Kampf gegen Muammar Gaddafi von Anfang an besaß. Geführt wird das jetzt in Katar konstruierte nationale Bündnis von dem moderaten Scheich Moaz al Khatib, der erst vor drei Monaten aus Damaskus über Kairo nach Doha geflohen war. Der 52-jährige Sunnit gehört der Sufi-Bewegung an und brachte es bis zum Prediger an der historischen Omaijaden-Moschee in Damaskus. Wegen kritischer Äußerungen sperrte das Regime ihn mehrmals für kürzere Zeit ein. In seinem ersten Aufruf als neuer Präsident der Opposition rief er alle syrischen Soldaten auf, zu desertieren, und er appellierte an alle religiösen Bevölkerungsgruppen, sich zusammenzuschließen.

Zu seinen Stellvertretern gewählt wurden der prominente Dissident Riad Seif aus Damaskus und die Aktivistin Suhair al Atassi aus Homs. Riad Seif war 2001 nach dem Amtsantritt von Baschar al Assad einer der Architekten des Damaszener Frühlings, einer Reformbewegung, die bald danach unterdrückt wurde. Der 66-Jährige, der an Krebs leidet, saß für seine Überzeugungen insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Im Juni 2012 ging er dann ins Exil, nachdem er von Regimeschlägern mehrfach auf offener Straße verprügelt worden war. Suhair al Atassi stammt aus einer sunnitischen Notablenfamilie aus Homs, der Hochburg des Aufstands. Sie ist die erste Frau in der Führungsspitze der Regimegegner. Dritter Stellvertreter soll ein Kurde werden, dieser Platz blieb aber zunächst vakant.

Unterdessen gingen die Kämpfe im Norden nahe der türkischen Grenze und im Südwesten nahe der Grenze zu Israel auf dem Golan weiter. Israel beantwortete syrisches Granatenfeuer auf dem Golan am Montag erneut mit einer Rakete. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen haben bisher mehr als 37 000 Syrer in dem Bürgerkrieg ihr Leben verloren.

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