Castingshow "Arab Idol" : Palästinenser feiern Mohammed Assaf

Vier Millionen palästinensische Fernsehzuschauer setzen sich gegen 80 Millionen Ägypter durch: Ein 23-jähriger Hochzeitssänger aus dem Gaza-Streifen gewinnt die Castingshow „Arab Idol“. Sein Erfolg eint erstmals ganz Palästina – für eine Nacht.

Gil Yaron
Freudentaumel. Zehntausende feierten bis in den frühen Morgen den Sieg von Mohammed Assaf bei dem gesamt-arabischen Wettbewerb "Arab Idol".
Freudentaumel. Zehntausende feierten bis in den frühen Morgen den Sieg von Mohammed Assaf bei dem gesamt-arabischen Wettbewerb...Foto: AFP

Jeder andere wäre in diesem Augenblick wohl vor Freude aufgesprungen, aber Mohammed Assaf macht das Gegenteil: Als er die beliebteste Realityshow im Nahen Osten gewonnen hat, fällt der 23 Jahre alte Palästinenser aus Gaza auf die Knie und dankt Allah für den unerwarteten Sieg. Denn eigentlich hätte der junge Mann, der bislang einen notdürftigen Lebensunterhalt als Sänger auf Hochzeitsfeiern verdiente, gar nicht bei „Arab Idol“ – der arabischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“ – teilnehmen dürfen.

Sohn palästinensischer Flüchtlinge gewinnt Castingshow vor allem durch Hartnäckigkeit

Erst musste er bei der Hamas betteln, um Gaza verlassen zu dürfen. Dann ägyptische Grenzbeamte bestechen, um in den Libanon zu reisen. Und als er endlich vor dem Hotel in Beirut ankam, schien alles zu spät. „Tausende standen Schlange, die Türen waren bereits geschlossen“, sagte der Sohn palästinensischer Flüchtlinge aus Khan Junis in einem Zeitungsinterview. Doch Assaf war hartnäckig: „Ich kletterte über den Zaun ins Hotel, aber drinnen waren schon alle Teilnehmernummern vergeben worden.“ Da lief ihm ein saudischer Bekannter über den Weg und trat ihm seine Nummer ab: „Er sagte, ich sänge schöner als er und hätte deswegen bessere Chancen zu gewinnen.“

Mit gewinnendem Lächeln, schmachtend süßer Stimme und der Geschichte des palästinensischen Außenseiters sang Assaf sich in die Herzen des Publikums. Der Gewinner wird nicht von einer Jury gewählt, sondern von den Zuschauern. Der Sieg geht an den Kandidaten mit den meisten SMS.

Assaf galt als nahezu chancenlos. Denn wie sollten die rund vier Millionen Palästinenser gegen die 80 Millionen Ägypter ankommen, die ebenfalls einen Kandidaten in die Endrunde entsandt hatten? „Arab Idol“ wurde zu einer nationalen Angelegenheit. Präsident Mahmud Abbas rief palästinensische Vertretungen auf, für Assaf Stimmung zu machen, damit die Diaspora für ihn stimme. Die Bank von Palästina versprach, für jede SMS aus dem Inland eine weitere beizusteuern, um Kairos demografischen Vorteil wettzumachen. Die Kampagne begann zu greifen. Ganze Dörfer verbrachten zuletzt Abende fingernägelkauend vorm Fernseher. Zehntausende verfolgten die Show in Gaza und dem Westjordanland beim Public Viewing und feierten nach Assafs Triumph bis spät in die Nacht.

Ein seltener grenzüberschreitender Erfolg für die Palästinenser, die zutiefst gespalten sind, seitdem die radikal-islamische Hamas Gaza mit einem Putsch 2007 in ihre Gewalt brachte. Doch Assafs Erfolg eint alle. Nicht nur Präsident Abbas von der säkularen Fatah gratulierte ihm, auch die Hamas pries den Sänger als „Botschafter palästinensischer Kunst“, hatte der doch seinen Sieg „den Märtyrern und palästinensischen Häftlingen gewidmet“. Viele Palästinenser feierten einen Hauch von Normalität in die Straßen: „Wir zeigen dem Rest der Welt, dass wir singen und tanzen können, dass wir keine Terroristen sind“, rief ein jubelnder Palästinenser einem Fernsehreporter in Ramallah zu. Doch genau das geht den Islamisten gegen den Strich.

Hamas verurteilte Assafs Teilnahme an "Arab Idol"

Noch vor einem Monat hatte die Hamas Assafs Teilnahme an „Arab Idol“ verurteilt. Für strenge Muslime ist schon allein der Name des aus den USA übernommenen Showformats ein Sittenverstoß. Dazu lässt der freizügige libanesische Sender MBC Männer und Frauen im Saal nebeneinander sitzen, die Moderatorinnen tragen statt Kopftuch glitzernde Kleider, die Blicke auf Ellbogen oder sogar Schienbeine preisgeben. In Palästinas Moscheen schimpften Prediger deswegen über die Show, der Wettbewerb ließe Muslime ihre religiösen Pflichten vergessen, sei unmännlich und lenke vom Befreiungskampf ab.

Den soll Gazas Bevölkerung aber nicht vergessen: Terrororganisationen wie der Islamische Dschihad betreiben auch diesen Sommer wieder Ferienlager, in denen Minderjährige das Kriegshandwerk lernen: „Unsere Kinder müssen lernen, sich zu verteidigen“, sagt Daud Schihab, Leiter eines Camps mit 80 Kindern. Vor zwei Monaten verhafteten Hamas-Polizisten junge Männer mit langen Haaren und kürzten ihre Mähne, um deren „Männlichkeit“ zu bewahren. Erst am vergangenen Sonnabend machten die Behörden mit einer anderen Drohung ernst: Zwei Palästinenser wurden gehängt, weil sie angeblich mit Israel kollaboriert hatten.

Laut dem Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte PCHR wurden seit der Machtübernahme der Islamisten 48 Menschen in Gaza von Militärgerichten der Hamas zum Tode verurteilt – oft, nachdem sie gefoltert worden waren und keinen Zugang zu rechtlichem Beistand hatten. Laut Amnesty werden jedes Jahr mehr als 700 Menschen willkürlich verhaftet und gefoltert. Mitarbeiter der Sicherheitsapparate sind jedoch unangreifbar.

Sie nehmen sich alle nicht viel. Genau wie die Hamas politische Gegner in Gaza verhaftet und foltert, kerkert die Fatah hunderte Islamisten im Westjordanland ein. Eine Nacht haben die Palästinenser gemeinsam gefeiert. Doch von der herbeigesehnten Normalität bleibt Gaza noch weit entfernt.



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