Chemiewaffeneinsatz in Syrien : "Es war das Assad-Regime - ziemlich sicher"

Human Rights Watch hat einen Bericht veröffentlicht, der beweisen soll, dass die syrische Regierung für den Giftgasangriff verantwortlich ist. Anna Neistat war an der Untersuchung beteiligt und spricht mit dem Tagesspiegel über die Erkenntnisse.

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Auf Spurensuche in Syrien. Experten für Giftgas.
Auf Spurensuche in Syrien. Experten für Giftgas.Foto: Reuters

Frau Neistat, Human Rights Watch hat als erste unabhängige Organisation einen Bericht veröffentlicht, der beweisen soll, dass die syrische Regierung für die Giftgasanschläge verantwortlich ist. Worauf beruhen die Erkenntnisse? 

Unsere Experten haben die Trümmer Munition untersucht, die benutzt wurde. Zudem haben sie viele Zeugenberichte ausgewertet - sowohl von Opfern als auch von Ärzten, die die Opfer behandelt haben. Es gibt darüber Videos und hoch aufgelöste Bilder, die klar zeigen, unter welchen Symptomen die Opfer der Angriffe litten. Nimmt man all das zusammen, ist mit ziemlicher Sicherheit klar, dass die Regierung hinter den Anschlägen steckt.

Wie können Sie sich da so sicher sein?

Es wurden zwei unterschiedliche Raketentypen identifiziert, mit denen die Angriffe verübt wurden. Eine 330 Millimeter-Rakete, und eine 140 Millimeter-Rakete. Beide sind für Chemiesprengköpfe geeignet. Wir wissen, dass die syrische Regierung beide dieser Waffentypen besitzt und diese auch schon in der Vergangenheit benutzt hat. Hingegen haben wir absolut keinen Hinweis darauf, dass die Opposition solche Waffentypen jemals genutzt hat. Wir sagen das mit so einer Sicherheit, weil wir über einen langen Zeitraum sehr genau beobachtet haben, welche Waffen im Krieg von den Rebellen benutzt wurden.

Welche Rolle spielt der Ort der Anschläge?

Auch das ist ein Hinweis. Die Raketen wurden aus einer von der Regierung kontrollierten Gegend abgeschossen und schlugen in Ost und West Ghuta ein, Gebiete, die in den Händen der Opposition liegen

Aber für den Beweis, dass Chemiewaffen eingesetzt wurden, reicht das noch nicht.

Wir sind uns sicher, dass es sich bei den Waffen um Nervengift handelt, wahrscheinlich um Sarin. Das sieht man an den Symptomen der Opfer, die auf den Videos zu sehen sind und von denen uns auch Ärzte vor Ort berichtet haben. Medizinische Experten haben für uns die Symptome wie zum Beispiel unregelmäßige Atmung, Erstickung, Muskelzittern, Ausfluss aus dem Mund und das Zusammenrollen der Körper ausgewertet. Auch sollte man in diesem Zusammenhang im Hinterkopf haben, dass dieser Kampfstoff auch nach früheren Angriffen schon nachgewiesen wurde.

Das heißt, es gab im Krieg schon zuvor Angriffe mit Giftgas?

Ja. Es ist wahrscheinlich nicht das erste Mal, dass eine Giftgasattacke in Syrien stattgefunden hat, aber das Ausmaß des Angriffs vom 21. August ist viel größer. Hier wurden Hunderte über Nacht getötet, die Hälfte davon Kinder.Zudem ist die Beweislage diesmal besser. Auch die Berichte von anderen Organisationen und die ersten Erkenntnisse der Geheimdienste lassen kaum noch ein Zweifel daran, dass das Assad-Regime dafür verantwortlich ist.

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