Chodorkowski in Berlin : Ein Plädoyer für die Rechtlosen

Michail Chodorkowski, der bekannteste Ex-Gefangene Russlands, erinnert in Berlin an seinen verstorbenen Anwalt Juri Schmidt. Künftig will Chodorkowski sich für diejenigen einsetzen, die zu Unrecht in Haft sind.

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Michail Chodorkowski bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.
Michail Chodorkowski bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.Foto: Stephan Röhl

Bei seinem letzten Auftritt in Berlin waren Dutzende Kameras auf Russlands bekanntesten Ex-Häftling gerichtet. Als Michail Chodorkowski nun nach Deutschland zurückkkehrte, ließ er vorab mitteilen, er werde weder Interviews geben noch auf Fragen zu seinen persönlichen Plänen antworten. Obwohl er bei diesem Berlin-Besuch nicht wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen wollte, trat er am Sonntag bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung auf. Denn die Matinée war nicht seiner Person, sondern dem Andenken an seinen verstorbenen Anwalt Juri Schmidt gewidmet.

Anwalt Juri Schmidt kämpfte gegen politische Instrumentalisierung des Rechts

Im Publikum saßen vor allem diejenigen, die sich in Deutschland schon seit Jahren mit Russland beschäftigen. Nicht wenige von ihnen hatten den 1937 geborenen Anwalt und Bürgerrechtler persönlich gekannt. Schmidt hatte bereits in der Sowjetunion als Strafverteidiger gegen die politische Instrumentalisierung des Rechts gekämpft. Das Chodorkowski- Mandat bezeichnete er als seinen wichtigsten Fall. Schmidts Vater war 26 Jahre in sowjetischen Straflagern und in der Verbannung. Zwischen ihm und Chodorkowski gab es zudem eine verblüffende Ähnlichkeit. Auch deshalb fühlte sich der Anwalt seinem Mandanten Chodorkowski besonders verbunden.

Während an diesem Sonntag in der Böll-Stiftung an Juri Schmidt erinnert wird, sitzt Chodorkowski, der Jeans und eine dunkelblaue Strickjacke trägt, zunächst nach vorn gebeugt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, den Blick zu Boden gerichtet. Nur wer diesen Chodorkowski gesehen hat, kann erahnen, wie viel Kraft ihn der Auftritt bei der Pressekonferenz im Dezember gekostet haben muss, als er scheinbar unbeschwert vor die Kameras der Weltöffentlichkeit getreten war.

Chodorkowski lernte Schmidt kennen, als er selbst bereits in Haft saß. „Er sagte: Sie verstehen, dass in Ihrem Fall die Entscheidung längst gefallen ist, kein Anwalt wird Ihnen helfen.“ Da Freisprüche in Russland extrem selten sind, raten russische Strafverteidiger ihren Mandanten in der Regel, ihre Schuld einzugestehen, um mit einer milderen Strafe davonzukommen. Das kam für Chodorkowski nie infrage. Er wollte zeigen, dass die Justiz zu politischen Zwecken benutzt wird. Dabei könne er ihm helfen, habe Schmidt erwidert.

Über Wladimir Putin äußert sich Michail Chodorkowski nicht

Das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit in Russland ist auch heute Chodorkowskis großes Thema. Sein früherer Geschäftpartner Platon Lebedew und andere Weggefährten sind noch in Haft. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass sich Chodorkowski nicht über die politische Situation in Russland und schon gar nicht über Präsident Wladimir Putin äußert. Künftig will er sich für politische Gefangene in Russland einsetzen. „Wir gedenken des Anwalts Juri Schmidt am besten, wenn jeder nach Maßgabe seiner Fähigkeiten sein Werk fortsetzt, diejenigen zu unterstützen, die zu Unrecht eingesperrt sind“, sagte Chodorkowski. „Ich werde auf jeden Fall tun, was in meiner Macht steht.“

Chodorkowski erinnert an die vielen Opfer der Rechtlosigkeit in Russland

Chodorkowski erinnerte an die große Gruppe derjenigen, die nicht als politische Gefangene gelten, aber doch Opfer der Rechtlosigkeit in Russland geworden sind: „Viele Menschen sind nach einem Unrechtsprozess in Haft, weil jemand die Idee hatte, ihnen etwas wegzunehmen, und sie Nein gesagt haben.“ Gemeint sind hier Unternehmer, die nach gefälschten Anschuldigungen hinter Gitter gebracht wurden, so dass andere ihr Geschäft übernehmen konnten. „Wenn man jemandem sein Eigentum wegnimmt und er sich dagegen nicht verteidigen kann, ist das Land ein Hort von Räubern.“ Für einen Mann, der sich zur politischen Situation in Russland nicht äußern kann, sind diese Worte hoch politisch.

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