Chronik : Wieviele Deutsche wurden bisher von Islamisten getötet?

Weltweit töten islamistische Terroristen Unschuldige. Wie viele Deutsche waren davon betroffen? Fragen und Antworten zum Thema.

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Menschen legten nach dem Anschlag von Nizza an der Promenade des Anglais Blumen nieder.
Menschen legten nach dem Anschlag von Nizza an der Promenade des Anglais Blumen nieder.Foto: dpa

Die Bundesrepublik steht im Fadenkreuz des islamistischen Terrors. Nicht nur im Inland. In anderen Staaten sind Deutsche viel härter von Dschihadisten attackiert worden als zu Hause. Wie der Terror wütet, wie viele Opfer er in Deutschland und unter Deutschen im Ausland gefordert hat, zeigt jetzt in Teilen eine Chronik von 1993 bis heute, die das Bundesamt für Verfassungsschutz auf seine Homepage gestellt hat. Der Tagesspiegel ergänzt das Tableau mit eigenen Recherchen. Die Bilanz ist gruselig.

Wie viele Bundesbürger sind bei Angriffen gestorben?

Mindestens 124 Männer und Frauen aus Deutschland kamen bei islamistischen Attacken ums Leben oder starben an den Folgen. Alle Toten waren Opfer von Anschlägen außerhalb der Bundesrepublik. Möglicherweise verloren sogar noch mehr Deutsche ihr Leben, einige Fälle sind bis heute unklar. Ein Beispiel ist das Schicksal der sächsischen Familie, die 2009 im Jemen entführt wurde. Zwei Töchter konnten von einer saudischen Spezialeinheit befreit werden, die Eltern und der kleine Sohn wurden 2014 vom Auswärtigen Amt für tot erklärt. Wer die Täter sind, ist bis heute unklar.

Bei islamistischen Anschlägen im Ausland wurden zudem viele Bundesbürger verletzt. Eine Gesamtzahl gibt es nicht. Sie ist möglicherweise etwas geringer als die der Todesopfer. Bei einigen Attacken, wie den Anschlägen im Juli 2005 in London, wurden Deutsche verletzt, aber keine getötet.

Wo geschahen die meisten tödlichen Anschläge?

Mindestens 42 Bundesbürger starben in Afghanistan. 35 waren Soldaten, die laut Bundeswehr „durch Fremdeinwirkung“ gefallen sind. Gemeint sind Angriffe der Taliban und verbündeter Organisationen, unter anderem mit Selbstmordattentätern und „road side bombs“. Gemeint sind Sprengfallen am Straßenrand, die explodierten, wenn ein Konvoi der Bundeswehr vorbeifuhr.

Die Zahl der Soldaten, die nicht mehr lebend aus Afghanistan nach Hause kamen, ist noch höher. Mehrere Bundeswehrangehörige töteten sich selbst oder starben bei Unfällen.

Die weiteren deutschen Todesopfer islamistischer Attacken in Afghanistan waren drei Polizisten sowie zivile Helfer und Reporter. Es gibt zudem Einzelfälle, bei denen nicht zu genau zu bestimmen ist, warum getötet wurde. Offen ist unter anderem, ob der afghanische Polizist, der im April 2014 die Fotojournalistin Anja Niedringhaus im Dorf Banda Khel erschoss, ein terroristisches Motiv hatte. Der Verfassungsschutz erwähnt den Mord in seiner Terrorchronik nicht.

Wie gefährdet sind Touristen?

Sie waren mehrmals Ziel islamistischer Angriffe. Der aktuellste Fall ist der Anschlag am 14. Juli in Nizza. Der Täter überfuhr mit seinem Lkw auch zwei Berliner Schülerinnen und ihre Lehrerin. Im Januar sprengte sich in Istanbul ein Attentäter der Terrormiliz IS bei einer deutschen Reisegruppe in die Luft, elf Bundesbürger starben.

Der Anschlag mit den meisten getöteten deutschen Urlaubern war der Angriff eines Al-Qaida-Anhängers im April 2002 auf der tunesischen Ferieninsel Djerba. Der Täter brachte vor der Al-Ghriba-Synagoge seinen mit Flüssiggas beladenen Kleinlaster zur Explosion und tötete 14 deutsche Reisende, fünf weitere Touristen und sich selbst.

Schon in den 1990er Jahren attackierten Islamisten deutsche Reisende. Im Jahr 1997 starben bei Attacken von Terroristen in Ägypten 13 Bundesbürger.

Beim Terrorangriff vom 11. September 2001 hingegen waren die meisten deutschen Toten Geschäftsreisende und Angestellte in den USA.

Islamisten haben zudem deutsche Touristen entführt. Auf den Philippinen hielt die Terrorgruppe Abu Sayyaf im Jahr 2000 die deutsche Familie Wallert und weitere Touristen gefangen. Die Urlauber wurden dann freigekauft, auch mit Geld des libyschen Diktators Muammar al Gaddafi. Im April 2014 zerrten Kämpfer der Abu Sayyaf ein deutsches Paar von seiner Segeljacht. Die Terroristen ließen die Geiseln erst nach Zahlung von Lösegeld laufen.

Wie ist die Situation im Inland?

Seit der Axt-Attacke in Würzburg und dem Selbstmordanschlag in Ansbach ist häufig zu hören, der islamistische Terror sei „in Deutschland angekommen“. Das stimmt so nicht – schon im Dezember 2000 hob die Frankfurter Polizei eine algerische Terrorgruppe aus, die einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg vorbereitet hatte. Und beim Angriff auf die USA am 11. September 2001 waren drei Selbstmordpiloten beteiligt, die in Hamburg gelebt hatten.

Der islamistische Terror hat zudem in Deutschland zwei Todesopfer gefordert. Der Kosovare Arid Uka erschoss am 2. März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Das war der erste tödliche Anschlag eines Islamisten auf deutschem Boden. Die öffentliche Reaktion in der Bundesrepublik war jedoch verhalten – wohl weil die Toten keine Deutschen waren.

Es ist allerdings nur ein Zufall, dass in Deutschland selbst bislang keine Bundesbürger bei einem islamistischen Angriff starben. Schon die Angriffe in diesem Jahr, in Ansbach, Würzburg, Essen und Hannover hätten für die Opfer tödlich enden können. In Ansbach starb beim Selbstmordanschlag glücklicherweise nur der Täter Mohammed Daleel. Der Axt-Angreifer in Würzburg, Riaz Khan Ahmadzai, wurde von der Polizei erschossen, bevor er einen Menschen töten konnte. Die Opfer des IS-Anhängers, darunter vier Hongkong-Chinesen, kamen mit schweren Verletzungen davon. Knapp überlebt haben auch die drei Männer, die im April beim Sprengstoffanschlag jugendlicher Salafisten auf einen Sikh-Tempel in Essen verletzt wurden. Und der Bundespolizist, dem die 15-jährige IS-Sympathisantin Safia S. im Februar im Hauptbahnhof in Hannover ein Messer in den Hals stieß, wäre beinahe tot gewesen.

Warum werden Deutsche attackiert?

Die Frage lässt sich zunächst pauschal für alle Menschen beantworten, die von Dschihadisten als „Kuffar“, also Ungläubige, verachtet werden: Ein Ungläubiger ist automatisch ein Feind und hat den Tod verdient. Die Terrormiliz IS hat bereits 2014 ihre Anhänger aufgerufen, mit allen denkbaren Mitteln Ungläubige zu attackieren. Sollte es nicht möglich sein, Bomben zu bauen oder an Waffen heranzukommen, sollten die Glaubensbrüder mit Steinen, Autos und Messern angreifen. Die Hasspropaganda wurde offenbar auch in Nizza und Würzburg gehört, wo die Täter mit einfachen Tatmitteln einen Do-it-yourself-Anschlag verübten.

Deutschland hat allerdings auch speziell den Hass von IS, Al Qaida, Taliban und weiterer Fanatiker auf sich gezogen. Die Beteiligung der Bundeswehr am Einsatz der Amerikaner in Afghanistan versetzte die Dschihadistenszene in Wut. Es folgten Angriffe auf deutsche Soldaten und der Versuch der von Afghanistan nach Deutschland geschickten „Sauerlandgruppe“, Anschläge zu verüben, um Amerikaner und Deutsche zu treffen.

Und der IS will die Bundesrepublik angreifen, weil er sie für eine „Kreuzzüglernation“ hält, da sich die Bundeswehr am Militäreinsatz gegen die Terrormiliz beteiligt. Weitere deutsche Opfer werden vermutlich kaum zu vermeiden sein.

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