Countdown zur US-Wahl: Noch 17 Tage : Wie Twitter den US-Wahlkampf banalisiert
20.10.2012 16:58 UhrWelche drei Begriffe haben den amerikanischen Wahlkampf – abseits der Großthemen – bislang geprägt? Erstens: Big Bird „Bibo“ aus der Sesamstraße. Zweitens: ein „Ordner voller Frauen“. Drittens: „Wenn vier Amerikaner getötet werden, dann ist das nicht optimal.“ Die ersten zwei Kontroversen hat Mitt Romney durch entsprechende Bemerkungen in den TV-Debatten ausgelöst, die dritte entzündete sich soeben an einem Satz von Barack Obama in der „Daily Show“ von Jon Stewart.
Zwei Dinge haben die drei Aufreger gemeinsam. Zum einen sind sie banal bis zu Lächerlichkeit.
Bei „Bibo“ erklärt sich das von selbst. Mit dem „Ordner voller Frauen“ meinte Romney einen Ordner mit Bewerbungsunterlagen von Frauen, was auch jeder neutrale Beobachter verstand. Und mit der „Nicht-optimal“-Bemerkung griff der Präsident lediglich die Formulierung in der Frage von Stewart auf. Ihm deswegen eine Verharmlosung der Tragödie von Bengasi vorzuwerfen, ist absurd.
Zum anderen entstanden alle drei „Schlagzeilen“ (was man in diesem Fall wörtlich nehmen kann) durch Twitter. Auslöser war nicht eine fundierte Recherche, ein Leitartikel oder eine gelungene Replik des einen oder anderen Kontrahenten, sondern das spontane, schnelle Geraune im Netz, der „anschwellende Bocksgesang“. Wahrscheinlich ist die Twitterisierung das herausragende Merkmal dieses Wahlkampfes. Die Erregungskurve bei Twitter, noch während etwa eine Fernsehdebatte läuft, nimmt deren Ergebnis bereits vorweg. Hier werden die Themen gesetzt, die im Anschluss die Diskussionen beherrschen.
Folglich liegen die Anhänger beider Lager ständig auf der Lauer. Alles, was nur im Geringsten von der Norm abweicht, dient ihnen als mögliche Skandalisierung. Das Ergebnis stellt der öffentlichen Debattenkultur kein gutes Zeugnis aus: Ob Rekordverschuldung oder Krankenversicherung, Arbeitslosigkeit oder Steuererleichterungen für Reiche: Die Sorge um „Bibo“ verdrängt alles andere und trägt womöglich zum Wahlausgang bei.
Verstärkt wird die Twitterisierung durch die Reaktionsschnelligkeit der Parteienwerber. Praktisch über Nacht sind Demokraten in der Lage, das Bibo-Thema in einem Werbeclip aufzugreifen und den Lacher darüber in alle TV-Haushalte wie in einer Endlosschleife zu transportieren. Dasselbe gilt für die Republikaner, zum Beispiel durch die Verspottung des Dauergrinsens von Vizepräsident Joe Biden in der Debatte mit Paul Ryan.





































