Politik : „Da will nur ich Chef sein“

In ihrem Roman ist der gesunde Körper das höchste Ziel der Gesellschaft – ein Horrorszenario. Die Autorin Juli Zeh wehrt sich gegen Vorschriften, die gut für sie sein sollen.

Juli Zeh ist Schriftstellerin und Juristin. Ihr Roman „Corpus Delicti“ spielt in
Juli Zeh ist Schriftstellerin und Juristin. Ihr Roman „Corpus Delicti“ spielt in

Was verstehen Sie unter dem Begriff Gesundheit?

Für mich ist Gesundheit eine sehr individuelle Sache. Ich finde es daher schwer, für alle Menschen zu definieren, was gesund sein soll. Als wäre Gesundheit ein feststehendes geografisches Ziel, zu dem es einen bestimmten Weg gibt. Ich glaube, das ist eine falsche Vorstellung. Für mich ist Gesundheit ein Empfinden von Ausgeglichenheit und Balance, also eher etwas Seelisches. Ich würde „Gesundheit“ in eine Familie mit Begriffen wie Glück stecken, wo es auch ganz schwer ist, etwas mit bestimmten Techniken, Regulierungen und Verboten anzustreben.

Sie sind vor kurzem Mutter geworden. Halten Sie gewisse Vorschriften, zum Beispiel Pflichtuntersuchungen, jetzt vielleicht doch für sinnvoll?

Ich habe mich – falls das überhaupt noch möglich war – seit meiner Schwangerschaft eher weiter radikalisiert. Sobald man schwanger ist und ein Kind bekommt, gerät man ja noch mehr unter Druck. Es gibt die Pflichtuntersuchungen, aber auch vieles, was nicht Pflicht ist, wird quasi mit hohem Druck seitens des Systems verpflichtend gemacht. Ich habe mich damit sehr unwohl gefühlt, während der Schwangerschaft und bei der Planung der Geburt.

Was hat Sie konkret gestört?

Am meisten hat mich gestört, dass ständig versucht wird, einem die Entscheidungsfreiheit wegzunehmen. Ich wollte einen Kaiserschnitt haben und bin damit auf massive Gegenwehr gestoßen. Zurzeit gibt es so einen Trend, dass alles „natürlich“ passieren muss. Als wäre „natürlich“ an sich schon ein positiver Begriff. Auf der anderen Seite wird dann wieder über Impfverpflichtungen diskutiert. Hauptsache, nicht der Einzelne entscheidet, sondern die Institution. Dabei empfinde ich alles, was mit Körper, Gesundheit oder Geburt zu tun hat, als äußerst intim. Das ist mein persönlicher Bereich, in dem nur ich Chef sein will.

Aber Sie haben doch bekommen, was Sie wollten …

Das Problem ist, dass viele Leute, die sich mit dem Thema Entscheidungsfreiheit nicht so abstrakt beschäftigen, grundsätzlich erst einmal machen, was man ihnen sagt. Wenn man zum Beispiel ein kleines Kind auf die Welt gebracht hat, kommt ein Brief, und angekündigt wird ein Kontrollbesuch eines Sozialarbeiters. Der Besuch ist nicht gesetzlich verpflichtend, aber das steht natürlich nicht in dem Schreiben. Als ich mich geweigert habe, wollte die Frau am Telefon dann „wenigstens“ wissen, ob es mein erstes Kind sei, wie die Hebamme heiße, welche Geburt ich hatte und so weiter. Und als ich gesagt habe, dass ich keine Auskunft geben will, war sie ganz verzweifelt, weil sie doch irgendetwas in ihr Formular schreiben müsse. Das System ist so eingefahren, dass die gar nicht mehr damit rechnen, dass jemand seine Privatsphäre verteidigen möchte. Ich vermute, dass 90 Prozent der Leute sich das einfach gefallen lassen. Weil sie entweder ihre Rechte nicht kennen, oder weil ihnen Gegenwehr schlicht zu mühsam ist. Leute auf diese Art und Wiese zu manipulieren, das finde ich einfach unfein.

Doch wenn ein Kind, wie im Fall Kevin, wegen Vernachlässigung stirbt, dann gibt es regelmäßig einen Aufschrei, und die Leute fordern mehr solche Besuche und Untersuchungen …

Na klar, aber die Betonung liegt hier wirklich auf Aufschrei. Man hat es hier mit Effekten eines medialen Hypes zu tun. Nicht mit einer sachlichen, sinnvollen Lösung, die Politik versucht zu beweisen, dass sie „etwas“ tut. Aber das wird in keiner Weise Fälle nach dem Modell Kevin verhindern, sondern das wird eher dazu führen, dass Leute Besuch bekommen, bei denen es mindestens so aufgeräumt ist wie bei uns.

Welche Alternativen zu gesetzlichen Vorschriften schlagen Sie vor?

Aufklärung ist immer sinnvoll. Die kann auch teuer sein, da muss ein großer Aufwand betrieben werden. Von mir aus kann man auch die Leute ein bisschen schubsen, ohne dass man sie gleich wieder verpflichten muss. Ich würde dafür plädieren, Dinge nicht sanktionsbewehrt zu verbieten, weil das in der Realität oft auch gar nicht das gewünschte Ergebnis bringt.

Das Szenario ihres Buchs „Corpus Delicti“ zeigt eine Diktatur, in der ein gesunder Körper das höchste Gut ist. Ist das für Sie ein realistisches Zukunftsszenario?

Nein. Corpus Delicti sollte keine Vision sein, die zeigt, wie es in einigen Jahren bei uns aussieht. Der Versuch war, eine Metapher zu finden, eine stark überspitzte Darstellung, um darüber reden zu können, wie wir heute schon denken. Es geht nicht konkret um die Frage, ob ich jetzt eine Urinprobe einreichen muss oder nicht. Es geht um den großen Trend. Warum denken wir überhaupt so, warum entsteht jetzt so ein Gesundheitswahn? Der Wahn ist nur ein Symptom.

Ein Symptom für was?

Hinter dem Wahn steckt als Allererstes die Angst zu versagen, die Angst zu scheitern: krank zu sein. Krankheit wird nicht mehr als etwas gesehen, das zum menschlichen Leben gehört, sondern es wird als Negativerscheinung gesehen, die unbedingt und um jeden Preis vermieden werden muss. Und Krankheit ist in diesem Sinne wirklich ein Bild für Schwäche, für Nicht-mehr-Dazugehören, nicht die Vorgaben zu erfüllen. Dahinter steckt die wirklich gefährliche Idee, man könnte die Qualität eines Menschen messen. Es gäbe Kriterien, nach denen man beurteilen kann, ob jemand ein guter Mensch ist. Und zwar nicht im moralischen Sinn, sondern in einem sehr funktionalen Sinn. So wie es ein gutes Auto und eine gute Maschine gibt, so soll es auch einen guten Menschen geben. Und der muss gesund sein, schön, fit, jung, leistungsstark. Das sind Vorgaben, die in unserer Mentalität so stark verankert sind, dass Menschen da gar nicht mehr rauskommen. Das führt zu Erscheinungen wie Magersucht oder Burn-out. Das hat mit Gesundheit eigentlich nichts mehr zu tun. Und das ist Ausdruck unseres Gesellschaftsbildes. Jede Gesellschaft hat ihre dunklen Seiten, und wir sollten uns vielleicht öfter daran erinnern, dass das auch für unsere gilt und nicht nur für Gesellschaften am anderen Ende der Welt.

Das Gespräch führte Elisa Simantke.

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