DAK-Studie kritisiert Arzneibewertung : Für Patienten ohne Nutzen

Wenn die Industrie ein neues Medikament auf den Markt bringt, muss sie dessen Zusatznutzen nachweisen. Davon profitieren die Krankenkassen. Die Patienten haben nichts davon.

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Neuer Rekord. Weit mehr als 30 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für Arzneimittel ausgegeben.
Neuer Rekord. Weit mehr als 30 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für Arzneimittel...Foto: picture alliance / dpa

Rein technisch funktioniert das Spargesetz bestens. Seit fünf Jahren werden alle neuen Medikamente darauf abgeklopft, ob sie einen „Zusatznutzen“ bringen. Wenn ja, erstatten die Krankenkassen den Herstellern höhere Preise. Wenn nein, gibt es für sie nicht mehr als für die bereits im Markt befindliche Vergleichsmedizin. 134 Mittel wurden inzwischen auf diese Weise getestet, bei 60 davon war kein höherer Nutzen nachweisbar. Die gesetzlichen Versicherer konnten die Preise für die Pseudoinnovationen kräftig drücken. Sie sparten dadurch schon 800 Millionen Euro.

Allerdings: Die Patienten haben nichts von der neuen Arzneitransparenz. Sie bekommen, wie eine aktuelle Studie belegt, neue Mittel ohne Zusatznutzen nicht seltener verschrieben als solche, die erwiesenermaßen besser wirken.

Das Ergebnis der Nutzenbewertung habe „nur begrenzten Einfluss auf die Marktentwicklung neuer Wirkstoffe“, heißt es in der Analyse des Bielefelder Gesundheitsökonomen Wolfgang Greiner im Auftrag der DAK-Gesundheit. Anders ausgedrückt: Die aufwändig eruierten Arzneiinformationen kommen bei den Ärzten nicht an.

Nur jeder zweite Arzt informiert sich über die Arzneibewertungen

Belegt ist das durch einen Vergleich der Verordnungszahlen. Medikamente mit belegtem Zusatznutzen legten ein Jahr nach ihrer Bewertung um 14,2 Prozent zu, Mittel ohne Zusatznutzen um 14,7 Prozent. Der Studie zufolge ist das kein Wunder: Nach eigenen Angaben informiert sich nur jeder zweite niedergelassene Arzt regelmäßig über die Arzneibewertung. Und nur zwölf Prozent machen sich die Mühe, dafür offizielle Dokumente des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu sichten.

Der Grund dafür ist vor allem Zeitmangel. „Mediziner brauchen schnelle, praxisnahe Informationen“, sagt Daniel Grandt von der Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer. „Die Kommunikation der Nutzenbewertung ist kompliziert und passt nicht zu den ganz praktischen Fragen und der engen zeitlichen Taktung im Praxisalltag.“

Daneben spielt das Geld eine Rolle. Bei der Befragung gab jeder zweite Arzt an, Regresse für das Verschreiben von höherpreisiger Arznei zu fürchten. Und Medikamente mit bescheinigtem Zusatznutzen sind oft eben gerade nicht die billigsten.

Ob in Tablettenform oder nur als Infusion - den Prüfern ist das egal

Bezogen aufs Patientenwohl ist, so macht die Studie deutlich, das ganze System der Nutzenbewertung noch nicht wirklich ausgereift. So werde etwa nicht berücksichtigt, ob die Innovation eine andere Darreichungsform ermögliche, moniert Greiner. Für Kranke sei es aber oft ganz entscheidend, ob der Wirkstoff nur gespritzt werden kann oder auch als Tablette zur Verfügung steht. Das Mittel Tecfidera zur Behandlung von Multipler Sklerose etwa bekam keinen Zusatznutzen bescheinigt, obwohl mehr 40 Prozent der Patienten dadurch erstmals nicht mehr auf Infusionen angewiesen sind.

Zudem fehlt es dem Wirksamkeits-Check bisher an echter Kosten-Nutzen-Analyse und dem Blick auf verbesserte Lebensqualität. Als Beispiel nennt der Gesundheitsökonom die neuen, gnadenlos teuren Hepatitis-C-Medikamente. Berücksichtigt werden müsse bei ihnen auch die Ersparnis durch vermiedene Klinikaufenthalte oder gar Organtransplantationen, fordert er. Die Debatte um hohe Markteintrittspreise erhalte so "einen dringend benötigten Perspektivwechsel".

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