Das Buch vom "Tugendterror" : Die "kompetente" AfD und der treue Genosse Sarrazin

Grenzen der Meinungsfreiheit? Thilo Sarrazin selbst muss sich über mangelndes Interesse an seinem Buch nicht beklagen. Bei der Präsentation am Montag prangert er ein "marodierendes Gleichheitsbedürfnis" in der deutschen Öffentlichkeit an.

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Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin bei der Buchvorstellung am Montag in BerlinFoto: dpa

Die Buchpräsentation geht dem Ende zu, da holt Thilo Sarrazin noch einmal weit aus. Ob es denn wahr sei, dass er mit einem Eintritt in die Alternative für Deutschland (AfD) liebäugele, möchte eine Journalistin wissen. Und der Buchautor, der nach 40 Jahren Mitgliedschaft in der SPD in den vergangenen Jahren zu deren Enfant terrible geworden ist, verneint die Frage zwar zunächst. Es habe "unterschiedliche Anfragen" der "Ein-Themen-Partei" gegeben, sagt er, doch habe er das "nicht gemacht". Um dann allerdings anzufügen, dass er bei der rechtspopulistischen Partei mehr fachliche Kompetenz versammelt sieht "als in den Spitzen von CDU/CSU und SPD zusammen". Bereut habe er seinen Beitritt zur SPD allerdings "bis heute nicht".

Das dürfte im Willy-Brandt-Haus sitzen, knapp drei Monate vor der Europawahl. SPD-Chef Sigmar Gabriel war mit dem Versuch gescheitert, Sarrazin nach Erscheinen seines ersten Buches "Deutschland schafft sich ab" 2010 aus der Partei auszuschließen. Sein am Montag präsentiertes Buch "Der neue Tugendterror - über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland" ist ein Rekurs auf das erste. Dutzende von Seiten widmen sich dem Umgang mit Sarrazins erstem Titel. Auf ihre Weise unterstreicht die Deutsche Verlagsanstalt, dass sie auf ihren Bestseller-Autor ziemlich stolz ist: Bei der Präsentation verteilt sie "Tugendterror"-Bücher aus der angeblich schon dritten Auflage.

Auch Sarrazin selbst wirkt äußerst zufrieden. Es gehe ihm gut, sagt er. Und dass das Schreiben für ihn so etwas wie eine "persönliche Katharsis" sei. Kern seiner Kritik ist eine "abstruse Dominanz von Gleichheitsideologie" in Deutschland. Und die sei ihm, sagt Sarrazin über Sarrazin, hervorragend gelungen. Dem zur Buchpremiere versammelten Publikum preist er Passagen an, die "besonders erhellend und entlarvend" seien. Der früherer Berliner Finanzsenator und spätere Bundesbank-Vorstand lobt sich für eine "präzise Analyse der Zitatkultur".

Sarrazins Argumentationslinie: "Es haben sich verdeckte Formen der Formierung und Kontrolle von Meinungen herausgebildet. Diese informellen Prozesse sind mit Machtausübung verbunden - mit Medienmacht, mit politischer Macht. Der Mediendienst Integration hält das für aberwitzig. Er hat aus Anlass des neuen Buches den alten Titel "Deutschland schafft sich ab" einem aktuellen Faktencheck unterzogen. Und schreibt, Sarrazins mit Fakten und Fußnoten untermauerten Thesen im alten Titel - etwa über Muslime in Deutschland - würden nicht dem Sachstand der Wissenschaft entsprechen. Der Buchautor, der sich selbst an den Pranger gestellt sieht, habe sowohl inhaltliche als auch statistische Fehler gemacht.

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