Politik : Dauerkrank und teuer – es geht auch anders

Fünf Prozent der Versicherten kosten die Hälfte des Kassenbudgets. Experte: Besser helfen und sparen

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Berlin - Die Diagnose ist bekannt. In den Kassen der gesetzlichen Krankenversicherer herrscht Ebbe, trotz der jüngsten Beitragssteigerung um 0,5 Punkte. Fürs vergangene Jahr liegt das Defizit bei 445 Millionen Euro, im nächsten werden viele Mitglieder Zusatzbeiträge aufgebrummt bekommen. Die Versicherer haben ein Einnahmeproblem, aber auch die Ausgaben schießen in die Höhe – insbesondere für chronisch Kranke, psychisch Angeschlagene, fürs Krankengeld. Und: Die teuersten fünf Prozent produzieren mehr als die Hälfte aller Kosten.

Wie stark diese Erkenntnis die Krankenkassen umtreibt, zeigte sich bei der Pleite der City BKK. Weil deren Versicherte im Schnitt besonders alt sind und hohe Leistungen abfordern, wollte sie keiner haben. Das ist widersinnig, denn gerade Alte und Kranke benötigen die Solidarität des gesetzlichen Systems. Krankenkassen sind nicht für Gesunde da.

Ein Therapievorschlag kommt von einem Arzt, der sich aufs Feld der Unternehmensberatung begeben hat. „Um die negative Kostenentwicklung zu stoppen, müssen Krankenkassen dort ansetzen, wo die wesentlichen Ausgaben entstehen: bei den Hochnutzern“, sagt Matthias Schönermark, Management-Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover. Vielen Krankenkassen fehlten „strategische Konzepte“ für ihre besonders teuren Versicherten. Und dabei gehe es keineswegs um bloße Kostendämpfung zulasten der Behandlungsqualität. Im Gegenteil. Die Qualität der Behandlung könne sich durch bessere Organisationsstrukturen sogar verbessern.

Als „Hochnutzer“ bezeichnet der Wissenschaftler die fünf Prozent der gesetzlich Versicherten, die ihrer Kasse im Schnitt Kosten von 20 000 Euro pro Jahr, mindestens aber 8000 Euro verursachen. Am häufigsten litten diese Versicherten unter vier besonders kostenintensiven Malaisen: psychische Störungen, Krebs, Herz-Kreislauf- und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Diese Gruppe legt pro Jahr um zwei Prozent zu, die Kosten für sie steigen jährlich um sechs Prozent – für durchschnittliche Versicherte liegt der Aufwuchs gerade mal bei 1,8 Prozent.

Einen Grund dafür sieht Schönermark im Nebeneinander der Versorgungsbereiche. Ambulant oder stationär – in jedem Sektor träfen die Verantwortlichen voneinander unabhängige Entscheidungen. Oft würden innovative Therapien aus Kostengründen abgelehnt, ohne Rücksicht darauf, dass sich dadurch ein weit aufwendigerer Klinikaufenthalt vermeiden ließe. Es fehle der ganzheitliche Ansatz, sagt der Wissenschaftler. Und dass die Kassen mit „sektorenübergreifenden Steuerungsgruppen“ pro Jahr mehr als zwei Milliarden Euro sparen könnten.

Besonders deutlich zeigt sich das Dilemma bei psychischen Erkrankungen. Laut Psychotherapeutenkammer sind darauf bereits zwölf Prozent aller Krankheitstage zurückzuführen. Weil psychische Erkrankungen oft zu spät erkannt und behandelt würden, hätten sich diese Krankheiten zur „gravierenden finanziellen Belastung für Wirtschaft und Sozialversicherung entwickelt“, sagt Kammerpräsident Rainer Richter. Allein die direkten Kosten dafür stiegen zwischen 2002 und 2008 um knapp 23 Prozent.

Weil psychisch Erkrankte von Sachbearbeitern betreut würden, die weder darauf spezialisiert seien noch langfristig dächten, rutschten sie oft „in einen Kreislauf wiederholter stationärer und damit teurer Aufenthalte“, kritisiert Schönermark. Durch die systematische Analyse typischer Krankheitsverläufe dagegen könnten die Kassen „frühzeitig und präventiv“ handeln. Geschulte Fallmanager könnten leistungsübergreifend, mit „zielgenauem Maßnahmenmix“, reagieren. Denkbar wären etwa regelmäßige Telefonkontakte, die Abfrage von Arzneinebenwirkungen oder Hilfe bei der Suche nach Therapieplätzen.

Ein anderes Beispiel ist das Krankengeld. Im vergangenen Jahr stiegen die Ausgaben dafür erneut um acht Prozent. 2008 und 2009 waren die Zuwächse zweistellig. Dabei sind es laut Schönermark gar nicht viele Erkrankungen, die Arbeitnehmer lange außer Gefecht setzen. „20 Diagnosen machen 46 Prozent aller Krankengeldleistungen aus.“ Am häufigsten geht es um Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden, depressive Episoden und Reaktionen auf schwere Belastung.

Viele Folgeschäden wären durch frühe Behandlung vermeidbar, meint Schönermark. Die Kassen scheint das wenig zu interessieren. In den meisten würden arbeitsunfähige Versicherte nach Leistungsbereich oder dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens verwaltet, sagt Schönermark. „Sinniger wäre dagegen eine Orientierung an den jeweiligen Krankheitsbildern.“ Spezialisierte „Krankengeld-Manager“ könnten effektiver arbeiten. Sie wüssten über Krankheitsverläufe Bescheid, seien in der Lage, Versorgung von Anfang an zu optimieren. Davon profitierten auch die Kassen – pro Krankengeldtag mit bis zu 90 Euro.

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