Debatte über bedrohte Helfer am Hindukusch : Angst vor Abzug aus Afghanistan

London gewährt 600 afghanischen Dolmetschern Asyl und entfacht damit auch in Deutschland die Debatte über den Schutz bedrohter Helfer. Die Opposition fordert ein solches „Signal der Großzügigkeit“ auch von Berlin.

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Mitglieder einer lokalen afghanischen Polizeieinheit posieren vor einem Training in der Region Nangarhar.
Mitglieder einer lokalen afghanischen Polizeieinheit posieren vor einem Training in der Region Nangarhar.Foto: dpa

Londons Vorstoß zum Umgang mit gefährdeten afghanischen Mitarbeitern am Hindukusch hat die Debatte über den Schutz bedrohter Helfer auch hierzulande neu entfacht. Die britische Regierung gewährt 600 afghanischen Dolmetschern Asyl. Jeder Übersetzer, der länger als zwölf Monate für die britischen Streitkräfte arbeitete, dürfe sich nach dem Ende des Militäreinsatzes mit seiner Familie in Großbritannien niederlassen, berichtete die „Times“ am Mittwoch. Die Familien sollen zunächst ein Visum für fünf Jahre erhalten. Danach können sie eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis beantragen.

Bei den Taliban gelten die afghanischen Mitarbeiter der internationalen Truppen und Organisationen als Verräter und „Kollaborateure des Westens“. Sie fürchten sich vor Racheaktionen, wenn auch die Bundeswehr Ende 2014 den größten Teil ihrer Truppen abzieht. „Diese Menschen haben, zum Teil unter Einsatz ihres eigenen Lebens, Verantwortung für die Sicherheit unserer Leute übernommen“, sagte FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff dem Tagesspiegel. „Da sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir jetzt Verantwortung für deren Sicherheit übernehmen.“ Deutschland dürfe da nicht nach dem Motto verfahren, „der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“.

Die Bundesregierung tue sich besonders schwer im Umgang mit diesem Problem, sagte Paul Schäfer, Sicherheitspolitiker der Linkspartei. Deshalb begrüße er das britische Engagement „als Anregung, auch in Deutschland noch mal neu darüber nachzudenken“, was zum Schutz der rund 2000 Übersetzer, Techniker, Fahrer, Wachleute und Handwerker der deutschen Institutionen am Hindukusch getan werden könne.

Grünen-Verteidigungspolitiker Omid Nouripour erinnerte daran, dass die deutschen Truppen auch in Zukunft Helfer brauchen werden, „in Afghanistan und anderswo“. Da wäre es „ein fatales Signal“, wenn die Bundesregierung sich jetzt nicht kümmerte. Womöglich werde man, „wenn sich das herumspricht“, künftig ohne ein „Signal der Großzügigkeit“ keine Helfer mehr finden. „Das ist auch eine moralische Verpflichtung“, sagte Nouripour. „Schließlich sind diese Menschen nur deshalb gefährdet, weil sie uns in der Vergangenheit geholfen haben.“

Hans-Peter Bartels (SPD) fordert die Regierung auf, nun umgehend zu prüfen: „Wen betrifft es? Für wen braucht es eine Lösung dort? Für wen braucht es eine Lösung hier?“ Dabei wünsche er sich eine europaweit abgestimmte Lösung, eine, „die gemeinsame Standards bei der Beantwortung dieser Fragen entwickelt“.

Bisher haben mehr als 40 Helfer bei der Bundesregierung eine Ausreise beantragt, zwei Fälle stehen nach Tagesspiegel-Informationen zur Entscheidung an. Jedes Ministerium, das sich am Einsatz beteiligt – Inneres, Außen, Entwicklung, Verteidigung –, hat einen Ressortbeauftragten benannt, der vorschlägt, was mit den jeweiligen Mitarbeitern geschehen soll. Nur wenn deren Leben weit über das „allgemeine Gefährdungspotenzial in Afghanistan“ hinaus bedroht sei, komme eine Aufnahme in Betracht, heißt es aus dem federführenden Innenministerium.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai protestiert gegen Asylangebote für gefährdete lokale Mitarbeiter. Die Pläne würden „die Moral des afghanischen Volkes“ schwächen, hat er unlängst erklärt. Berlin versicherte daraufhin, man werde keine pauschalen Zusagen machen. „Die nachhaltige Entwicklung und der wirtschaftliche Wiederaufbau Afghanistans werden insbesondere vom Beitrag qualifizierter afghanischer Fachkräfte in deren Heimatland abhängig sein“, heißt es in dem Antwortschreiben des Auswärtigen Amtes. Die Bundesrepublik wolle ihre afghanischen Angestellten dabei unterstützen, Folgebeschäftigungen im Land zu finden.

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