Debatte : Wulff, Gauck und das Thema Integration

21.02.2012 17:33 Uhrvon und
Präsidiale Debatte. Christian Wulff machte Integration zu seinem Thema. Was ist von Joachim Gauck zu erwarten? (Im Bild beide beim Gottesdienst im Rahmen der Bundespräsidentenwahl 2010.) Foto: Reuters
Präsidiale Debatte. Christian Wulff machte Integration zu seinem Thema. Was ist von Joachim Gauck zu erwarten? (Im Bild beide beim Gottesdienst im Rahmen der Bundespräsidentenwahl... - Foto: Reuters

Update Es war Christian Wulffs großes Thema. Unter vielen Deutschen migrantischer Herkunft herrscht nun Skepsis, ob Joachim Gauck beim Thema Integration Akzente setzen wird - und wenn ja, welche?

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntagabend die Anforderungen und Themen des zukünftigen Bundespräsidenten angerissen hat, fiel das Wort Integration nicht. Erst Grünen-Chef Cem Özdemir nahm es in den Mund - ohne allerdings konkreter zu werden. Nun wird in Foren, Blogs und Social Media darüber spekuliert, inwieweit das Thema bei Gauck eine Rolle spielen wird. Unmut hatte er bereits ausgelöst, als er Thilo Sarrazin im Tagesspiegel "Mut" für dessen Thesen attestiert hatte.

Daran knüpfen nun viele Kritiker an.

Christian Wulff hatte versucht, das Thema Integration zu seiner Sache zu machen und mit dem Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" durchaus Aufsehen erregt. Was kommt nun von Gauck? Der Kandidat selbst war am Montagvormittag für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Aber was erwartet die Community der Deutschen mit migrantischem Hintergrund von ihrem kommenden Bundespräsidenten? Wir haben nachgefragt - und werden weitere Stimmen sammeln.

Die muslimischen Verbände äußerten sich zurückhaltend zum designierten Bundespräsidenten. "Ich habe schon oft erlebt, dass sich Positionen im Amt ändern", sagte der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, dem Tagesspiegel. "Das erwarte ich mir auch von Herrn Gauck, wenn er erst zum Bundespräsidenten gewählt ist." Den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern, sei vor allem "Aufgabe des Staatsoberhaupts, dies umso mehr, als ihm seine Unabhängigkeit die Freiheit dazu gibt. Wir hoffen natürlich, dass Herr Gauck den Integrationsansatz seines Vorgängers fortführt, der den Muslimen das Gefühl gegeben hat, dass sie zu Deutschland gehören."

Auch Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, sagte: "Ich setze darauf, dass er sich wie sein Vorgänger als Bundespräsident aller Deutschen, also auch der Muslime, versteht. Wir brauchen jetzt mehr denn je einen Versöhner an der Staatsspitze, der ‚Ossis’ und ‚Wessis’, Einheimische und Eingewanderte und die verschiedenen Religionen in unserem Land als Einheit begreift."

"Ich bin über die Haltung des Bundespräsidenten in spe in der Causa Sarrazin unsicher", sagt Kamuran Sezer, Leiter des Dortmunder Instituts “futureorg”, eine auf Trendforschung spezialisierte Denkfabrik für soziale, kulturelle und ethnische Diversität in Deutschland. "Unterstützt er seine Thesen oder nicht? Daher wünsche mir von Herrn Gauck auch vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten, dass er sich deutlich und unmissverständlich zu einer offenen, multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft in Deutschland bekennt. Dazu gehört, dass er auf ausgrenzende und spalterische Begriffe wie Parallelgesellschaft und Zuwanderung verzichtet.”

Video: Umfrage zum Rücktritt von Christian Wulff - Video: Jana Demnitz

Hilal Sezgin lebt als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. Sie ist Mit-Herausgeberin des "Manifests der Vielen", ein Buch von 30 Autoren, das sich gegen die Thesen von Thilo Sarrazin stellt. Sezgin sagt: "Danke, SPD, dass Ihr nicht nur Sarrazin in den eigenen Reihen behaltet, sondern auch noch einen Pro-Sarrazinisten ins Schloss Bellevue katapultiert! Danke, Ihr Grünen, für Euren selbstlosen Einsatz für einen, der noch in Zeiten einer weltweiten Finanzkrise Kapitalismus-kritische Demonstrationen unnötig und albern findet. Glückwunsch an die FDP dafür, dass Ihr überhaupt mal was hingekriegt habt - Ihr seid sicher selbst noch total geschockt, gute Erholung! Dank auch an die CDU für diesen Pfarrer, dem trotz christlichem Demutsgebot der Stolz aus allen Poren tropft, und natürlich an Sie, liebe Frau Merkel, weil Sie das einzige Mal, wo wir wirklich auf Ihre Standfestigkeit vertraut hatten, sofort nachgaben."

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